Dieser ausgeschliffene Röhm-Ehrendolch stammt aus einer alten Privatsammlung. Eine eingeschlagene Nummer führte bei der Recherche zu SS-Obergruppenführer Wilhelm Bittrich, General der Waffen-SS.
A Herkunft
Dieser seltene Dolch stammt aus einer kleinen, alten Sammlung, die über mehr als 50 Jahre zusammengetragen wurde. Nach dem Tod des Sammlers wurde die Sammlung von seiner Witwe aufgelöst.
Die Sammlung umfasste verschiedene Blankwaffen unterschiedlicher Gattungen. Nach Aussage der Witwe hatte ihr Mann die Stücke überwiegend aus dem familiären Umfeld erhalten, unter anderem aus Süddeutschland. Auktionen oder Händler spielten dabei keine Rolle.
B Recherche und Fund
Nachdem wir die Sammlung übernommen und transportiert hatten, begann die Recherche: Was ist was? Gibt es Besonderheiten? Zunächst fiel ein SS-Dolch auf, der auf den ersten Blick nicht weiter ungewöhnlich wirkte. Bei genauerer Augenscheinnahme zeigte sich jedoch, dass es sich um einen ausgeschliffenen Röhm-Dolch handelt.
Die ursprüngliche Widmung „In herzlicher Kameradschaft, Ernst Röhm“ auf der Klinge wurde vollständig entfernt. Als Hersteller ist Eickhorn Solingen gekennzeichnet. Zusätzlich fanden wir eine eingeschlagene Nummer: 39.177.
C Die eingeschlagene Nummer 39.177
Auf den ersten Blick war das zunächst nur eine SS-Mitgliedsnummer – allerdings eine auffallend kurze. Genau das gab Anlass zu weiterer Recherche.
Zu Hilfe nahmen wir eine SS-Dienstaltersliste, in der SS-Führer ab bestimmten Dienstgraden mit Angaben zu ihrer SS-Nummer, Parteinummer sowie zu Auszeichnungen und Ehrenzeichen wie Totenkopfring, Ehrendolch und Degen verzeichnet sind. Das Ergebnis war erstaunlich.
D Zuordnung zu Wilhelm Bittrich
Die Recherche ergab: Die SS-Nummer 39.177 war Wilhelm Bittrich zugeordnet. Bittrich war SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS. Er trat zum 1. Dezember 1931 der NSDAP bei und wurde am 1. Juli 1932 SS-Anwärter. Die SS-Nummer 39.177 wird auch in biografischen Übersichten zu Bittrich genannt.
E Besonderheit des Dolches
Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang, dass es sich nicht nur um einen SS-Dienstdolch mit eingeschlagener Nummer handelt, sondern um einen ausgeschliffenen Röhm-Dolch. Diese Dolche trugen ursprünglich die Widmung Ernst Röhms auf der Klinge. Nach der Ermordung Röhms im Jahr 1934 wurde diese Widmung bei vielen Stücken entfernt. Bei diesem Dolch ist sie vollständig ausgeschliffen.
F Zur Authentizität
Uns ist bewusst, dass es auf dem Sammlermarkt viele Dolche mit nachträglich eingeschlagenen SS-Nummern gibt. Gerade deshalb muss ein solches Stück vorsichtig betrachtet werden.
Für die mögliche Authentizität dieses Dolches sprechen aus unserer Sicht mehrere Punkte: der ungereinigte Zustand, die glaubwürdige Herkunft aus einer alten Privatsammlung, die Aussage der Witwe zur langen Besitzdauer sowie der Umstand, dass der Dolch nicht aus dem Auktions- oder Händlerumfeld stammt.
G Wilhelm Bittrich — Werdegang und Auszeichnungen
Stammdaten und Mitgliedschaften
| SS-Nummer | 39.177 (Eintritt: 1. Juli 1932) |
| NSDAP-Mitgliedsnummer | 829.700 (Eintritt: 1. Dezember 1931) |
| Letzter Dienstgrad | SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS (1. August 1944) |
Wilhelm Bittrich begann seine militärische Laufbahn im Ersten Weltkrieg als Offizier und Pilot. Nach Einsätzen in verschiedenen Freikorps trat er 1932 in die SS ein. Sein Aufstieg in der SS-Verfügungstruppe (SS-VT) begann 1934 mit dem Kommando über die I. Abteilung des Regiments „Germania“. Während des Zweiten Weltkriegs führte er Verbände wie das Regiment „Deutschland“, die 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“, die 8. SS-Kavallerie-Division „Florian Geyer“ und die 9. SS-Panzer-Division „Hohenstaufen“. Ab Juli 1944 befehligte er das II. SS-Panzerkorps, unter anderem während der Kämpfe im Raum Arnheim.
Beförderungen (Auswahl)
| Datum | Dienstgrad |
|---|---|
| 31. Oktober 1932 | SS-Sturmführer |
| 12. April 1934 | SS-Hauptsturmführer |
| 17. Juni 1934 | SS-Sturmbannführer |
| 1. Oktober 1936 | SS-Obersturmbannführer |
| 30. Januar 1938 | SS-Standartenführer |
| 1. Juni 1939 | SS-Oberführer |
| 1. September 1940 | SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS |
| 19. Oktober 1941 | SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS |
| 1. August 1944 | SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS |
Militärische Auszeichnungen
| Datum | Auszeichnung |
|---|---|
| 15. September 1915 | Eisernes Kreuz (1914) II. Klasse |
| 8. März 1916 | Eisernes Kreuz (1914) I. Klasse |
| 25. September 1939 | Spange zum Eisernen Kreuz II. Klasse |
| 7. Juni 1940 | Spange zum Eisernen Kreuz I. Klasse |
| 14. Dezember 1941 | Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes (als SS-Oberführer und Kommandeur der SS-Division „Reich“) |
| 28. August 1944 | Eichenlaub zum Ritterkreuz (563. Verleihung; als SS-Obergruppenführer und Kommandierender General des II. SS-Panzerkorps) |
| 6. Mai 1945 | Schwerter zum Ritterkreuz (153. Verleihung; als SS-Obergruppenführer und Kommandierender General des II. SS-Panzerkorps) |
| 6. März 1943 | Deutsches Kreuz in Gold (als SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Waffen-SS) |
| 1918 | Verwundetenabzeichen (1914) in Schwarz |
| 1934 | Ehrenkreuz für Frontkämpfer |
SS-Ehrenzeichen und Dienstauszeichnungen
| Ehrenzeichen / Dienstauszeichnung |
|---|
| SS-Ehrendolch |
| SS-Ehrenring (Totenkopfring) |
| Ehrendegen des Reichsführers SS |
| Julleuchter der SS |
| SS-Dienstauszeichnungen (für 4, 8 und 12 Jahre) |
Bittrichs Rolle im September 1944 bei der Abwehr der alliierten Luftlandeoperation Market Garden ist militärhistorisch dokumentiert. Während der Kämpfe um Arnheim gestattete er eine Waffenruhe zur Evakuierung britischer Verwundeter. Nach dem Krieg wurde er von einem französischen Militärgericht in Bordeaux wegen Kriegsverbrechen angeklagt, jedoch 1953 freigesprochen.
H Historische Einordnung
Objekte aus dem Umfeld der SS müssen grundsätzlich kritisch betrachtet werden. Nicht jeder Angehörige der SS oder Waffen-SS war automatisch persönlich an Verbrechen beteiligt, dennoch war die SS ein zentraler Bestandteil des nationalsozialistischen Macht- und Gewaltapparates.
Eine Beschäftigung mit solchen Stücken sollte deshalb nur im historischen, sammlerischen und dokumentarischen Zusammenhang erfolgen – ohne Verherrlichung, ohne Verharmlosung, aber auch ohne pauschale Vorverurteilung. Ziel muss eine faire und sachliche Einordnung bleiben.
Jede Form von Extremismus und Fanatismus ist kritisch zu beurteilen – ob politisch, ideologisch oder religiös. Fanatisches Denken hat selten etwas Gutes hervorgebracht, egal aus welcher Richtung es kommt. Gerade deshalb ist eine nüchterne, historisch saubere Betrachtung solcher Objekte wichtig.
Auch ein vorsichtiger Abgleich mit dem heutigen Zeitgeschehen kann sinnvoll sein. Geschichte wiederholt sich nicht eins zu eins, aber bestimmte Muster wie blinder Gehorsam, Feindbilder, ideologische Verengung und Fanatismus sind auch heute erkennbar.
Der heute wichtige § 86a StGB wurde 1968 eingeführt; diese gesetzlichen Grenzen wurden in der Bundesrepublik schrittweise geschaffen. Historische Einordnung, Forschung und Dokumentation bleiben davon zu unterscheiden. Entscheidend ist der Zweck: Aufarbeitung und sachliche Darstellung sind etwas anderes als Verherrlichung oder politische Werbung.
Thomas Huss & Söhne / German Historica
Direkter Draht für Fragen rund um Ankauf, Bewertung und historische Einordnung militärhistorischer Objekte.
German Historica, Kiel. Recherche auf Basis einer SS-Dienstaltersliste sowie biografischer Übersichten zu Wilhelm Bittrich.