Kriegsmarine-U-Boot-Offizier Joachim Hardam erzählt: Seine Erinnerungen an die letzten Kriegstage 1945 auf U 929 und seinen abenteuerlichen Weg nach Hause – so beginnt dieser Erinnerungsbericht, den er uns persönlich anvertraut hat.
Wie der Zufall es wollte, lernte ich Herrn Hardam vor einigen Jahren in einem ortsansässigen Autohaus kennen. Wir warteten beide auf die Übergabe unserer Autos, blätterten gelangweilt in Zeitschriften und kamen ins Gespräch. Erst ging es um unsere Fahrzeuge und unsere Berufe – ich erzählte von meiner Ausbildung bei der Bundesmarine und meinem Studium. So kamen wir auf mein großes Steckenpferd, die Kriegsmarine und die U-Boote, und er erzählte von seiner eigenen Marinezeit, von seinen Jahren als junger Offizier bei den U-Booten.
Später lud mich Joachim Hardam zu sich nach Hause ein. Dort übergab er mir einen von ihm persönlich verfassten Bericht über seine letzten Kriegstage als Marineoffizier. Verbunden war dies mit der Bitte, aus diesen Erinnerungen etwas zu machen und sie nicht unbeachtet liegen zu lassen. Und das wurde daraus.
Joachim Hardam war im Frühjahr 1945 Oberleutnant zur See und I. Wachoffizier auf U 929. Nach dem Krieg diente er in der Bundesmarine und schied später als Kapitän zur See a. D. aus. Geboren wurde er am 21. März 1923, er verstarb am 18. Februar 2025 im Alter von 101 Jahren.
U 929 war ein U-Boot des Typs VII C/41. Das Boot wurde auf der Neptun-Werft in Rostock gebaut und im September 1944 in Dienst gestellt. Kommandant war Werner Schulz, ein ehemaliger Marine-Flak-Offizier, der erst 1943 zur U-Bootwaffe kam und über keine Fronterfahrung als U-Boot-Kommandant verfügte. Im April 1945 wurde U 929 als Schießboot bei der Torpedo-Versuchsanstalt Rostock eingesetzt, ehe es Ende April 1945 wegen Treibstoffmangels vor Warnemünde selbst versenkt wurde. Die Mannschaft wurde anschließend nach Neustadt in Holstein verlegt.
Der folgende Bericht schildert diese letzten Tage aus der Sicht des I. Wachoffiziers. Er führt in die mittlere und östliche Ostsee, nach Danzig, Gotenhafen und Hela, in die Zeit der Flüchtlingstransporte, der Minengefahr und des militärischen Zusammenbruchs. Zugleich zeigt er, wie sich für die Besatzung von U 929 die Frage stellte, ob sie einem letzten, sinnlosen Befehl noch folgen sollte – oder ob Verantwortung gegenüber den eigenen Männern schwerer wog als blinder Gehorsam.
- Ostsee 1945: Flüchtlingstransporte und Minengefahr
- Selbstversenkung von U 929 vor Warnemünde
- Neustadt in Holstein: Tiefflieger und die Rede Friedeburgs
- Befehlsverweigerung: Der Gang in den Wald statt nach Norwegen
- Kriegsende, Gefangenschaft und der Weg nach Hause
- Anmerkung und Nachbemerkung
- Ankauf & Bewertung
Der Bericht
(Ich heiratete die Witwe meines Bruders – mit nun unserer Tochter Annelore – am 14.7.1945)
Ostsee 1945: Flüchtlingstransporte und Minengefahr
Meinen letzten Kriegseinsatz hatte ich als Oberleutnant zur See auf U929 in der mittleren und östlichen Ostsee. (Mit Schwimmwesten wegen der Minengefahr.)
Basis dafür Danzig, Gotenhafen (Gdynia), Hela mit all dem Flüchtlingselend und dem ununterbrochenen Schiffs- und Geleitzugverkehr, um die Flüchtlinge über See nach Westen zu transportieren – bei strenger Winterkälte. Frauen flehten uns an, auch auf Knien, sie und ihre Kinder mitzunehmen.
U-Booten war untersagt, Flüchtlinge aufzunehmen. Trotzdem haben wir bei Fahrten nach Rönne auf der dänischen Insel Bornholm, um Proviant zu fassen, stets 30 elternlose Jungen von 9 bis 12 Jahren mitgenommen und dort „abgeladen".
Selbstversenkung von U 929 vor Warnemünde
Wegen Treibstoffmangels mussten wir U929 Ende April 1945 auf Befehl des Befehlshabers der U-Boote vor Warnemünde selbst versenken. Der wenige Treibstoff ging an die Flüchtlings- und Verwundetentransportschiffe.
Wir angetreten an Oberdeck: „Hol nieder Flagge!"
Da hatten wir Tränen in den Augen. Unter dieser Fahne hatten wir guten Glaubens gekämpft, waren viele Kameraden gefallen …
Unterbringung in Kasernen. Ich trete am nächsten Morgen vor die Tür: ein langer Zug Matrosen zieht an mir vorbei. Darunter 6 Mann unserer Flakbedienung.
„Wir werden in diese Schlacht gehen wie in einen Gottesdienst", hatte der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Dr. Joseph Goebbels, in einer mitreißenden Rede in Berlin gesagt. Hatten wir im Radio gehört.
Die, die da an mir vorbeizogen, schlürfend, mit gesenktem Kopf, sahen aber mehr aus wie Wallfahrer, nein, wie Schlachtvieh, das zur Schlachtbank getrieben wird.
„Was ist los?"
„Wir sollen nach Berlin geschafft werden. Zur Verteidigung der Reichskanzlei."
„Kommt raus!"
Die anderen trotteten weiter, aber unsere Besatzung war wieder zusammen.
Neustadt in Holstein: Tiefflieger und die Rede Friedeburgs
Dann Transport der Besatzung auf einem Küstenmotorschiff nach Neustadt in Holstein. Dort Unterbringung in einer Kaserne. Aufpassen: Ständige Angriffe britischer Tiefflieger auf alles, was da draußen geht und fährt!
„Jabo!" (Jagdbomber). Und da war er auch schon, kippte an, und ich war genau in seiner Zielrichtung. Ich raste auf eine Deckung zu, in Todesangst, Weltrekord im 20-Meter-Lauf, und kam mir doch wie eine Schnecke vor. – Der Tiefflieger schoss nicht.
Die Offiziere aller U-Bootsbesatzungen, die wie wir ihre Boote hatten versenken müssen, wurden wegen des Besuchs des Oberbefehlshabers der U-Boote, Generaladmiral v. Friedeburg, in der Kantine der Kasernenanlage zusammengerufen.
Friedeburg sagte: Der Krieg ist verloren. Der Führer wird bald fallen. Dann sind Sie nicht mehr an Ihren Treueid gebunden. Sie haben dann nur noch eine Aufgabe, das Leben Ihrer jungen Soldaten zu bewahren. Zum Wiederaufbau Deutschlands. Lassen Sie sich von niemandem mehr zum Kampf einsetzen. – Sprach's und verschwand.
Den folgenden Tag, den „Tag der nationalen Arbeit" (1. Mai), benutzten wir, unsere Rotweinbestände durch Austrinken zu vernichten.
„Hitler ist tot!", diese Nachricht platzte da hinein.
Am Abend der Befehl: Einschiffung aller Besatzungen 2. Mai, 6 Uhr, auf Küstenmotorschiffe. Überführung nach Horten zur Verstärkung der Verteidigungskräfte der „Festung" Norwegen.
Jetzt sollen wir noch verheizt werden, dachten wir. Nachrichten, Erklärungen bekamen wir nicht.
Befehlsverweigerung: Der Gang in den Wald statt nach Norwegen
Auf zum Alten, dem Oberleutnant zur See d. R. Werner Schulz, hinein in seine karge Kasernenstube:
„Das können Sie nicht zulassen, dass wir eingeschifft werden", fing ich ruhig an.
„Wir haben Befehle auszuführen. Noch sind wir Soldaten", erwiderte der Alte.
Ich wies auf v. Friedeburg hin. Ohne Erfolg.
„Ich gehe nicht nach Norwegen. Ich gehe heute Nacht über'n Zaun und in die Wälder."
„Ich lasse Sie festnehmen! Sie sind ein Meuterer! Das ist Befehlsverweigerung! – Wenn Sie Glück haben, werden Sie erschossen, aber wahrscheinlich werden Sie aufgehängt!"
Damit endete die Unterredung. Eine durchgeladene Pistole hatte ich in der Hosentasche, er hatte seine vor sich auf die Tischplatte gelegt.
Ich gab der Besatzung die Worte unseres Oberbefehlshabers bekannt und dass wir trotzdem den Befehl erhalten haben, uns morgen früh einzuschiffen, um die Festung Norwegen zu verstärken.
Ich schloss: „Ich gehe heute Abend in den Wald. Wer mitkommen will, einen Schritt vortreten!"
Die Besatzung trat geschlossen einen Schritt vor.
Unsere ansehnlichen Reste der Bordverpflegung wurden verteilt, die Gasmasken weggeworfen, in die nun leeren Gasmaskenbüchsen kamen zwei Dosen Leberwurst.
Als Anhänger des Prinzips „Marschierer mit leichtem Gepäck" zog ich meine Ausgehalbschuhe an. In denen konnte ich am besten gehen, denn Seeleute haben ja angeblich keine Beine, sondern Gewarzen. Eine Decke nahm ich nicht mit.
Gegen 22 Uhr schnitten unsere Maschinenleute in einer abgelegenen Ecke des Kasernengeländes ein Loch in den Zaun, und wir traten, wenn auch gebückt, unser illegales Leben an.
Als ich mich, als letzter Lochkriecher, nach etwa 50 Metern Marsch umsah, sah ich unseren Alten als dunklen Schatten, ziemlich bepackt, wie er uns eilig folgte.
Nach meiner Pensionierung 1982 hatten der Obersteuermann und der Maschinenmeister Besatzungstreffen organisiert, in Bremerhaven, Fulda etc. Werner Schulz nahm daran nicht teil. In Kiel haben wir uns zufällig getroffen und ein paar Mal zusammen, mit den Ehefrauen, Kaffee getrunken. Da behauptete er, ich hätte ihm und den anderen das Leben gerettet.
Die Kümos mit den Verstärkungen für die „Festung" Norwegen wurden nämlich alle im Kattegat oder im Skagerrak durch britische Mosquito-Bomber versenkt.
(Werner Schulz war 4 Jahre älter als ich, damals in Neustadt also 26 Jahre alt. Er war bei der Marine-Flak gewesen, machte einen Navigationslehrgang, die U-Boots- und die Kommandantenausbildung und wurde dann Kmdt. des neuen U929, ein U-Boot des Typs VII C mit Schnorchel, gebaut von der Neptun-Werft in Rostock. Erfahrungen als U-Bootswachoffizier hatte er nicht machen können, auch hatte er keine Feindfahrt als Kmdt-Schüler mitmachen müssen.)
(v. Friedeburg irrte sich, als er uns sagte, dass mit dem Tod Hitlers unsere Treueverpflichtung gegenüber dem Führer erloschen sei: Der Eid wurde auf Großadmiral Dönitz, den er als seinen Nachfolger bestimmt hatte, übertragen, einfach so.)
Von einer Heereseinheit versorgte ich uns vorsorglich mit zusätzlichen Handfeuerwaffen im Tausch gegen Dosenwurst. In einem nahe gelegenen Wäldchen gruben wir uns ein, um uns gegen die Heldenklaus (Feldgendarmerie auf der Suche nach Deserteuren) verteidigen zu können, die uns wegen Fahnenflucht aufgehängt hätten – aber sie kamen nicht, Gott sei Dank!
Nach wenigen Tagen und Nächten Waldlebens war der Krieg zu Ende. (Werner Schulz war sehr still geworden, las Gedichte von Rilke, „Der Cornet": „Einmal nicht Soldat sein" und so.)
Kriegsende, Gefangenschaft und der Weg nach Hause
„Herr Oberleut!" hatten eines Morgens meine Wachen gerufen, „da unten fahren Tommys, und in die Gegenrichtung laufen deutsche Soldaten, einzeln und in Gruppen, und keiner tut denen was."
Wir vernichteten unsere Soldbücher, nahmen unsere Pistolen und Gewehre auseinander und warfen die einzelnen Stücke und die Munition mehr schlecht als recht in den Wald, teilten uns in Grüppchen auf, nahmen Abschied voneinander und marschierten ab in westlicher Richtung.
„Mach's gut, Dieselkarli!" – „Mach's besser, alter Schlot!" Das war's dann …
Bald war die Wanderschaft zu Ende. Englische Kriegsgefangenschaft auf einer Weidekoppel, zusammen mit vielen Kameraden des Heeres. Ich lag auf dem Rücken im kurzen Gras, eng neben mir an jeder Seite ein Kamerad. Weiter ab sangen welche leise „Am Brunnen vor dem Tore". Es war Nacht. Ich schaute in die Sterne und war glücklich.
Bei der Verlegung auf eine andere Koppel – ein Panzer vorneweg, ein Panzer hinterher, langsamer als Schritt fahrend, und wir als langer Trauerzug dazwischen – setzte ich mich in einem Wäldchen ab. Kurs Elbe südlich Hamburgs. Ich ernährte mich von Milchpulver, das ich in einem zerstörten LKW gefunden hatte. Auf Waldwegen fühlte ich mich am sichersten. Schlafen im Wald zwischen Wurzeln, zugedeckt mit Zweigen und Laub, sehr naturnah. Morgens weiter von Wäldchen zu Wäldchen.
Getrappel, fremdartige Stimmen: Eine Bande ehemals polnischer Zwangsarbeiter, der Anführer hoch zu Ross, einige hatten noch das Etikett mit dem „P" auf der Jacke.
„Du SS", sagte man zu mir und zeigte auf meine kurze schwarze Lederjacke, die mir ein Klein-U-Bootfahrer geschenkt hatte.
Ein Seil hatten sie dabei. Über einen starken Ast geworfen, hing es bald vor mir. Sie wollten mich aufhängen.
Stumm und regungslos stand ich da. Nicht weil ich so tapfer bin, sondern weil ich's nicht fassen konnte.
Autogeräusch: Ein Jeep mit einer britischen Streife. Im Nu waren meine Ex-Zwangsarbeiter verschwunden, und ich war wieder Prisoner of War.
Vor einer großen Weidekoppel voller deutscher Soldaten stand eine Hütte. Dort wurde ich der britischen Militärpolizei übergeben, die mich zur Strafe wegen meines Fluchtversuchs zusammenschlug.
Ein englischer Soldat, klein und drahtig, dem Aussehen und dem Ordensband nach ein Frontsoldat, dem war das peinlich, der schämte sich seiner hünenhaften Militärpolizisten. Er übersah absichtlich das Messer und die Rasierklingen in meiner spärlichen Habe und führte mich ruhig, mich sanft stützend, durch das Koppeltor, wodurch sich das Protestgebrüll der Lagerinsassen etwas legte, die meine Sonderbehandlung gesehen hatten.
Bald wurden wir auf einen Gutshof südöstlich Hamburgs verlegt, registriert, kurz verhört und richtig bewacht. Mit einem Rest der Besatzung von U929 und Heeressoldaten hausten wir als Gruppe Vier in der linken Ecke eines großen, vorne offenen Wagenschuppens – mit weiterhin einer dünnen Scheibe Corned Beef, aber jetzt sieben Keksen (Crackers) pro Tag. Die Brennnesseln, die wir fanden, waren bald sämtlich, in Wasser gekocht – dafür erst einmal Brennbares finden! – als Suppe gegessen. Da haben wir auch Wasser getrunken, nur um den nagenden Hunger zu besänftigen.
Auf einer Weidekoppel für deutsche Kriegsgefangene, ein paar Tage vorher, hatte die Natur die Getränke-, Wasch- und Klofrage gelöst: Auf einer Seite floss ein Bächlein. Schnell wurde die Regel eingehalten: oben Trinkwasser holen, in der Mitte des Bächleins waschen, unten reinpinkeln.
Und wenn wir jetzt in unserer Remise die Kekse aßen: Oberschenkel fest zusammenpressen, auf dass kein Krümelchen verloren gehe.
Die deutsche militärische Ordnung blieb in Kraft (wer flüchtet, ist ein Deserteur und muss mit Erschießung rechnen). Die deutschen Waffen werden gesammelt und gewartet, hörten wir, ein britischer General musterte uns. Churchill will uns mit den Tommys und den Amis gegen die Russen einsetzen, ging es im Lager um – und dann, mit großer Enttäuschung und Angst: Alle ehemaligen deutschen Soldaten, die sich östlich der Elbe befinden, werden an die Russen ausgeliefert.
Also beschloss ich, ehe ich ganz entkräftet sei, zu fliehen.
Anmerkung und Nachbemerkung
An dieser Stelle bricht der vorliegende Bericht ab. Ob eine Fortsetzung existierte oder ob der Text von Joachim Hardam bewusst an diesem Punkt beendet wurde, ist nicht bekannt.
Der Bericht zeigt die letzten Kriegstage nicht aus der Perspektive großer militärischer Entscheidungen, sondern aus der unmittelbaren Erfahrung eines jungen Marineoffiziers und seiner Besatzung. Gerade diese persönliche Sicht macht ihn als Quelle interessant: Er verbindet die militärische Lage im Ostseeraum mit Fragen von Verantwortung, Gehorsam, Überleben und dem beginnenden Zusammenbruch der alten Ordnung.
Zugleich bleibt der Text ein persönlicher Erinnerungsbericht. Er schildert Erlebnisse, Eindrücke und spätere Einordnungen aus der Sicht des Verfassers. Gerade dadurch ist er nicht nur als militärhistorisches Dokument interessant, sondern auch als menschlicher Bericht über Angst, Unsicherheit, Kameradschaft und den Versuch, in den letzten Tagen des Krieges nicht sinnlos unterzugehen. Weitere Erinnerungsberichte und Objekte aus dem Bereich Kriegsmarine finden Sie in der Militaria-Infothek. So bleibt Kriegsmarine-U-Boot-Offizier Joachim Hardam erzählt: Seine Erinnerungen an die letzten Kriegstage 1945 auf U 929 und seinen abenteuerlichen Weg nach Hause ein Dokument, das über den militärischen Rahmen hinausweist.
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Luftbild des Ausbildungszentrum Schiffssicherung in Neustadt / Holstein
Luftbild des Ausbildungszentrum Schiffssicherung in Neustadt / Holstein