Militärhistorische Gegenstände sammeln – warum tun das Menschen überhaupt, gerade aus Zeiten, die von Krieg, Gewalt und Unterdrückung geprägt waren? Für Außenstehende ist dieses Interesse oft schwer nachvollziehbar. Für andere ist es ein ernsthafter Zugang zu Geschichte, Technik, Familienforschung und persönlichen Schicksalen. Wer genauer hinsieht, erkennt schnell: Zwischen Vorurteil und tatsächlicher Motivation liegt oft mehr, als es auf den ersten Blick scheint.
Immer wieder werden wir als Fachhändler für militärhistorische Antiquitäten mit der Frage konfrontiert, warum alte Kriegsandenken und andere militärhistorische Gegenstände überhaupt gesammelt werden – darunter auch Objekte aus politisch und historisch belasteten Epochen, die zum Teil von Gewalt, Unterdrückung und unbeschreiblichem Leid geprägt waren.
Von außen betrachtet ist diese Leidenschaft oft schwer nachvollziehbar und wird nicht selten vorschnell verurteilt. Sammler gelten mitunter als Militaristen, als Verherrlicher von Krieg und Gewalt, als „ewig Gestrige" oder sogar als Anhänger vergangener Ideologien. Eine solche pauschale Einordnung wird den tatsächlichen Beweggründen vieler ernsthafter Sammler jedoch nicht gerecht.
- Zwischen Vorurteil und tatsächlichem Interesse
- Ein vielseitiges militärhistorisches Sammelgebiet
- Kriegsandenken sind kein neues Phänomen
- Der Zweite Weltkrieg und die Verbreitung von Kriegsandenken
- Die Rückkehr der Kriegsandenken
- Familiengeschichte und Familienforschung
- Sammeln als historische Forschung
- Historische Gegenstände als Quellen der Geschichte
- Unterschiedliche Beweggründe müssen nicht verstanden werden, um akzeptiert zu werden
- Warum dieses Interesse auch für jüngere Generationen wichtig bleibt
- Schlussgedanke
Zwischen Vorurteil und tatsächlichem Interesse
Militärhistorische Gegenstände werden im allgemeinen Sprachgebrauch häufig unter dem Begriff „Militaria" zusammengefasst. Dieser Begriff ist heute jedoch oft stark negativ besetzt und wird schnell mit „Hitler-Kram", „Nazi-Kram" oder „altem Kriegszeug" gleichgesetzt.
Eine solche Sichtweise mag aus bestimmten historischen Erfahrungen, Ereignissen oder einzelnen negativen Beispielen heraus verständlich sein. Sie greift jedoch zu kurz, wenn einzelne extreme oder politisch motivierte Personen zum sichtbaren Bild eines ganzen Sammelgebietes werden.
Ernsthafte Sammler, Historiker, Familienforscher oder einfach geschichtlich interessierte Menschen beschäftigen sich aus ganz unterschiedlichen Gründen mit militärhistorischen Gegenständen. Politische Beweggründe oder Ideologien spielen dabei für viele überhaupt keine Rolle.
Ein vielseitiges militärhistorisches Sammelgebiet
Das Sammelgebiet selbst ist wesentlich umfangreicher, als es der Begriff „Militaria" zunächst vermuten lässt. Es reicht von Orden und Ehrenzeichen über Uniformen, Blankwaffen, Fotografien und Dokumente bis hin zu persönlichen Nachlässen und Ausrüstungsgegenständen verschiedenster Epochen und Länder.
Im Mittelpunkt stehen für viele Sammler vielmehr das Interesse an Geschichte und historischen Zusammenhängen, an Technik und Handwerk, an persönlichen Schicksalen sowie an den materiellen Zeugnissen vergangener Zeiten.
Kriegsandenken sind kein neues Phänomen
Das Sammeln und Bewahren von Kriegsandenken hat eine lange Geschichte.
Schon in früheren Jahrhunderten wurden nach militärischen Auseinandersetzungen Waffen, Schmuck, Münzen, Rüstungsteile, Fahnen und andere Gegenstände vom Schlachtfeld mitgenommen. Die Beweggründe waren unterschiedlich: materieller Wert, Erinnerung, persönlicher Stolz, Beute oder einfach der Wunsch, einen außergewöhnlichen Gegenstand aufzubewahren.
Mit der Entwicklung moderner Armeen kamen weitere Objekte hinzu. Orden, Ehrenzeichen, Rangabzeichen, Uniformteile, Helme, Blankwaffen und später auch Fotografien und Dokumente wurden zu persönlichen Erinnerungsstücken.
Im 19. und 20. Jahrhundert entwickelte sich daraus zunehmend ein eigenständiges Sammelgebiet. Nicht mehr ausschließlich Soldaten bewahrten solche Gegenstände auf. Auch Familien, Historiker und Sammler begannen, militärhistorische Objekte gezielt zusammenzutragen und zu erforschen.
Der Zweite Weltkrieg und die Verbreitung von Kriegsandenken
Der Zweite Weltkrieg führte aufgrund seines Umfangs zu einer bis dahin kaum gekannten Menge militärischer Gegenstände.
Besiegten Soldaten wurden nicht nur Waffen, sondern auch Insignien, Orden und Abzeichen abgenommen – vielfach auch als gezielte Demütigung, zugleich aber ebenso als Kriegstrophäen und persönliche Erinnerungsstücke.
Besonders amerikanische Soldaten brachten nach Kriegsende große Mengen solcher Gegenstände in die Vereinigten Staaten.
Helme, Orden, Abzeichen, Uniformteile, Blankwaffen, Pistolen und persönliche Gegenstände wurden von den verschiedenen Kriegsschauplätzen mitgenommen. Die US-Regierung erließ hierfür Regelungen, um die Einfuhr solcher Kriegsandenken rechtlich abzusichern und zugleich zu regulieren.
Aus diesem Grund befinden sich noch heute zahlreiche deutsche und europäische militärhistorische Gegenstände in amerikanischem Familienbesitz.
Während der Besatzungszeit wurden deutsche Haushalte zudem systematisch nach Waffen, NS-Symbolen und belastendem Material durchsucht. Dabei wurden unter anderem Fahnen, Uniformen, Dolche, Abzeichen, Dokumente und Darstellungen führender Funktionäre beschlagnahmt.
Diese Maßnahmen dienten nicht allein der Entwaffnung. Sie standen auch im Zusammenhang mit der Identifizierung und Erfassung von Funktionären und belasteten Personen.
In den unterschiedlichen Besatzungszonen entwickelten sich dabei verschiedene Praktiken. Im sowjetisch besetzten Gebiet waren Beschlagnahmungen und der Abtransport von Gegenständen teilweise noch wesentlich umfangreicher.
Viele der damals mitgenommenen Gegenstände blieben anschließend über Jahrzehnte im Besitz der Soldaten oder ihrer Familien.
Die Rückkehr der Kriegsandenken
Mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Zweiten Weltkrieg veränderte sich auch der Umgang mit diesen Gegenständen.
Was unmittelbar nach dem Krieg als persönliche Erinnerung, Trophäe oder Familienbesitz aufbewahrt wurde, gelangte Jahrzehnte später durch Nachlässe wieder an die Öffentlichkeit.
Orden, Dokumente und Fotografien tauchten auf Dachböden und in Kellern auf. Ganze Nachlässe wurden aufgelöst. Gegenstände gelangten auf Flohmärkte, in Antiquitätengeschäfte, Auktionen oder direkt zu Sammlern.
Damit wuchs auch das Interesse an der Geschichte hinter dem einzelnen Stück.
Wer trug diesen Orden? Wem gehörte diese Uniform? Welche Person ist auf einer Fotografie zu sehen? Wo wurde ein bestimmtes Dokument ausgestellt? Welche militärische Einheit oder welches persönliche Schicksal lässt sich damit verbinden?
Aus einem zunächst anonymen Gegenstand kann so eine historische Quelle werden.
Familiengeschichte und Familienforschung
Für viele Nachkommen sind solche Objekte ein unmittelbarer Zugang zur eigenen Familiengeschichte.
Wer selbst in Friedenszeiten geboren wurde und keine eigenen militärischen Ehrenzeichen erwerben konnte, findet über Orden, Fotos und Dokumente der Vorfahren einen Zugang zu deren Lebensweg.
Dabei geht es nicht darum, deren Entscheidungen nachträglich zu verherrlichen oder zu verurteilen. Zunächst geht es darum herauszufinden, was tatsächlich geschehen ist.
Ein Soldbuch, eine Urkunde, ein Foto oder ein Orden kann Hinweise darauf geben, wo ein Angehöriger eingesetzt war, welcher Einheit er angehörte, wann er verwundet wurde oder welche Stationen seines Lebens innerhalb der Familie bislang unbekannt waren.
Gerade in Familien, in denen über Kriegserlebnisse wenig oder überhaupt nicht gesprochen wurde, können erhaltene Gegenstände wichtige Ansatzpunkte für weitere Nachforschungen liefern.
Militärhistorische Gegenstände sind damit häufig zugleich Teil der Familiengeschichte. Mehr dazu in unserer Militaria-Infothek.
Sammeln als historische Forschung
Ernsthaftes Sammeln besteht nicht nur darin, Gegenstände zu besitzen. Ein wesentlicher Teil besteht aus Bestimmung, Vergleich und Forschung.
Hersteller müssen zugeordnet, Fertigungszeiträume eingegrenzt und unterschiedliche Ausführungen verglichen werden. Dokumente werden Personen und Einheiten zugeordnet. Fotografien können anhand von Uniformen, Abzeichen, Fahrzeugen, Gebäuden oder handschriftlichen Angaben ausgewertet werden.
Bei Nachlässen lassen sich einzelne Gegenstände häufig miteinander verbinden und dadurch größere Zusammenhänge rekonstruieren.
Auf diese Weise entsteht Wissen, das teilweise über Jahrzehnte von Sammlern zusammengetragen wurde.
Sammler, Museen, Archive, Historiker und Familienforscher beschäftigen sich dabei häufig mit denselben Quellen. Die Grenzen zwischen privatem Sammeln und historischer Recherche sind deshalb fließend.
Historische Gegenstände als Quellen der Geschichte
Mit zunehmendem zeitlichen Abstand verschwinden die Menschen, die historische Ereignisse selbst erlebt haben.
Was bleibt, sind Fotografien, Briefe, Dokumente und persönliche Gegenstände.
Sie ersetzen keinen Zeitzeugen und erklären für sich allein keine Geschichte. Sie können aber Ausgangspunkt dafür sein, Fragen zu stellen und Zusammenhänge zu rekonstruieren.
Gerade deshalb ist auch die Herkunft eines Gegenstandes wichtig.
Ein einzelner Orden ohne Zusammenhang ist zunächst ein historisches Objekt. Befinden sich daneben jedoch die Verleihungsurkunde, Fotografien, Briefe oder andere persönliche Unterlagen, lässt sich daraus möglicherweise ein ganzer Lebensabschnitt nachvollziehen.
Solche Zusammenhänge gehen verloren, wenn Nachlässe auseinandergerissen oder historische Unterlagen vernichtet werden.
Das Bewahren und Dokumentieren kann deshalb dazu beitragen, persönliche und historische Zusammenhänge zu erhalten.
Unterschiedliche Beweggründe müssen nicht verstanden werden, um akzeptiert zu werden
Menschen sammeln aus sehr unterschiedlichen Gründen. Militärhistorische Gegenstände sammeln bedeutet für jeden etwas anderes.
Der eine interessiert sich für Ordenskunde, der andere für Uniformgeschichte, Technik, Blankwaffen oder militärische Fotografie. Andere beschäftigen sich mit der Geschichte eines Familienangehörigen, einer bestimmten Einheit oder eines historischen Ereignisses.
Auch ästhetische, handwerkliche oder technische Aspekte können eine Rolle spielen.
Nicht jeder Sammler muss dieselben Beweggründe haben – und nicht jeder Außenstehende muss dieses Interesse persönlich nachvollziehen können.
Historische Gegenstände können betrachtet, gesammelt, erforscht und erhalten werden, ohne dass damit automatisch eine Zustimmung zu der politischen Ordnung, dem Krieg oder den Ereignissen verbunden ist, aus denen sie stammen.
Ebenso wenig muss jeder Mensch dieses Sammelgebiet gut finden oder selbst daran Interesse haben.
Unterschiedliche Beweggründe müssen nicht verstanden werden, um akzeptiert zu werden.
Warum dieses Interesse auch für jüngere Generationen wichtig bleibt
Dieses Sammelgebiet darf nicht irgendwann nur noch als Beschäftigung einiger weniger alter, „verknöcherter" Männer wahrgenommen werden. Wichtig ist, dass auch jüngere Generationen ihr Interesse an militärhistorischen Gegenständen behalten und sich ernsthaft mit Geschichte, Krieg, Ideologien und den dahinterstehenden Mechanismen auseinandersetzen.
Gerade diese Beschäftigung mit Geschichte halte ich für wichtig. Wer weiß, wie Ideologien entstehen, wie Menschen beeinflusst werden, wie Fanatismus wächst und wie daraus Krieg, Gewalt und Unterdrückung entstehen können, erkennt solche Entwicklungen möglicherweise früher.
Aus meiner Sicht ist dieses historische Wissen ein wichtiger Schutz davor, dass ideologisch geprägte Fanatiker erneut Einfluss gewinnen und neues Leid verursachen.
Schlussgedanke
Militärhistorische Gegenstände sind Überreste vergangener Zeiten.
Orden, Ehrenzeichen, Uniformen, Dokumente, Fotografien und persönliche Nachlässe können technische, militärische, gesellschaftliche und vor allem menschliche Geschichte vermitteln.
Für manche Menschen sind sie Sammelobjekte, für andere Forschungsgegenstände und für wieder andere die letzten erhaltenen Erinnerungen an Angehörige.
Gerade diese unterschiedlichen Ebenen machen die Beschäftigung mit militärhistorischen Gegenständen interessant.
Es geht nicht darum, Geschichte zu verklären oder anderen Menschen eine bestimmte Sichtweise aufzudrängen.
Es geht darum, historische Gegenstände zu erhalten, ihre Herkunft zu erforschen, ihre Zusammenhänge zu verstehen und die dahinterstehenden Geschichten zu dokumentieren.
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Thomas Huss & Söhne / German Historica
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Hinweis: Der Umgang mit NS-Symbolik und historischem Kriegsmaterial unterliegt in Deutschland den §§ 86, 86a StGB. Die Darstellung in diesem Beitrag dient ausschließlich der historischen Aufklärung und Einordnung.
Dipl.-Ing. · German Historica / Militaria Kiel Fachhandel, Ankauf und Einordnung militärhistorischer Objekte, Orden, Ehrenzeichen, Fotografien, Dokumente und Nachlässe · Kiel / Schleswig-Holstein