Tiroler Trachtenranzen mit Landesverteidigungsmedaillen 1797 und 1866: Manchmal steckt hinter einem unscheinbaren, auf den ersten Blick kitschigen Fundstück eine hoch interessante Geschichte, die sich nur durch saubere Recherche entdecken bzw. erzählen lässt. So auch bei diesem Tiroler Trachtenranzen, der uns bei einer Haushaltsauflösung in einer alten Gaststätte in die Hände gefallen ist. Auf den ersten Blick ein altes Trachtenstück mit Federkielstickerei – erst beim genaueren Hinsehen zeigt sich, was an der Kette befestigt ist: zwei Auszeichnungsmedaillen der Tiroler Landesverteidigung, eine von 1797, eine von 1866. Fast 70 Jahre liegen zwischen beiden.

Wie ein solches Stück von Tirol nach Schleswig-Holstein gekommen ist, lässt sich heute nicht mehr sicher sagen. Was bleibt, sind die Medaillen selbst – und die sprechen für sich.


Tiroler Landesverteidigungsmedaillen an einem Trachtenranzen

Hintergrund: Die Tiroler Landesverteidigung

Tirol verfügte seit dem 15. Jahrhundert über eine eigene Landesverteidigung: Bauern und Bürger, die im Verteidigungsfall als bewaffnetes Aufgebot einberufen wurden, ohne reguläre Armee zu sein. Diese Tradition zeigte sich während der Koalitionskriege gegen Napoleon ebenso wie 1866, als Tirol im Krieg zwischen Österreich und Italien erneut zur Landesverteidigung aufrief. Für beide Einsätze wurden eigene Erinnerungsmedaillen an die Teilnehmer ausgegeben – genau diese beiden Medaillentypen finden sich an der Kette dieses Ranzens.

Die Tiroler Aufgebotsmedaille von 1797

Die Medaille trägt die Inschrift „DEN TAPFEREN VERTHEIDIGERN DES VATERLANDES" und darunter die römische Jahreszahl MDCCXCVII – 1797. Es handelt sich um die Tiroler Aufgebotsmedaille von 1797, ausgegeben unter Kaiser Franz II. an Mannschaften des Tiroler Landesaufgebots, die während der Koalitionskriege an der Verteidigung des Landes gegen die französischen Truppen beteiligt waren. Als Medailleur ist Johann Nepomuk Wirt beziehungsweise Wirth überliefert, die Signatur lautet „I. N. WIRTH" beziehungsweise „I. N. WIRT F."

Die Denkmünze für die Tiroler Landesverteidigung von 1866

Die zweite Medaille zeigt das Bildnis Kaiser Franz Josephs I., auf der Rückseite steht „MEINEM TREUEN VOLKE VON TIROL 1866". Diese silberne Denkmünze wurde für die Tiroler Landesverteidigung im Krieg von 1866 ausgegeben, der Stempelschneider war Josef Hermann Tautenhayn. Vergleichsstücke werden mit einem Gewicht von etwa 13,88 Gramm beschrieben.

Der Ranzen selbst

Der breite Ledergürtel zeigt eine aufwendige Federkielstickerei mit floralen Ornamenten und eine eingearbeitete Besitzerinschrift auf dem Mittelteil. Diese Handwerkstechnik kam seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert bei Ranzen und Trachtengürteln zum Einsatz und erlebte im 19. Jahrhundert ihre größte Verbreitung. Die Inschrift lässt sich als „Be[…]lich" lesen, vermutlich „Benarlich" – Anfang und Ende der Stickerei sind gut zu erkennen, der mittlere Teil bleibt etwas unsicher.

Die Münzen an der Kette

Neben den beiden Medaillen befinden sich an der Kette zahlreiche deutsche, österreichische, ungarische und weitere europäische Münzen:

  • 1-Mark-Münze, Deutsches Kaiserreich, 1875.
  • 1-Korona-Münze, Ungarn, 1896.
  • Mehrere österreichische und ungarische Kronen- und Korona-Münzen.
  • Mehrere Silbermünzen mit dem Bildnis Kaiser Franz Josephs I.
  • Gedenkmünze zur Silberhochzeit Kaiser Franz Josephs I. und Kaiserin Elisabeths, 1879.
  • Eine weitere Medaille mit unleserlicher Rückseite, vermutlich Mitte des 19. Jahrhunderts.

Die unterschiedlichen alten Ösen, Ringe und Befestigungen deuten darauf hin, dass hier über einen langen Zeitraum immer wieder etwas ergänzt wurde – die jüngeren Münzen belegen, dass das noch bis ins frühe 20. Jahrhundert weiterging. Weitere Objekte und Einordnungen finden Sie in der Militaria-Infothek.

Zum Zustand

Münzen und Medaillen sind zum Teil stark berieben, dunkel patiniert, gelocht oder mit Ösen versehen. Auch das Leder des Ranzens ist deutlich nachgedunkelt, vermutlich durch starkes Rauchen am ursprünglichen Aufbewahrungsort. Der numismatische Einzelwert der einzelnen Stücke ist dadurch eingeschränkt. Der eigentliche Wert liegt woanders: in der geschlossenen Einheit aus Ranzen, Kette, Münzen und den beiden Tiroler Landesverteidigungsmedaillen. Deshalb sollte das Stück auch nicht zerlegt, gereinigt oder poliert werden.

Zusammenfassung

Dieser Tiroler Trachtenranzen mit Landesverteidigungsmedaillen 1797 und 1866 wurde bei einer Haushaltsauflösung in einer alten Gaststätte aufgefunden: ein Trachtenranzen des 19. Jahrhunderts mit Federkielstickerei und Besitzerinschrift, vermutlich „Benarlich", an dessen Münzkette zwei Tiroler Landesverteidigungsmedaillen hängen – die Aufgebotsmedaille von 1797 und die Denkmünze von 1866 – dazu eine weitere, nicht mehr lesbare Medaille und zahlreiche deutsche und österreichisch-ungarische Silbermünzen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts.


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Thomas Huss · Dipl.-Ing. · German Historica / Militaria Kiel

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