Ein Kindjal ist kein gewöhnliches Trage-Stück. Im Kaukasus war er Alltagswaffe, Standeszeichen und Geschenk zugleich — je nach Träger und Anlass. Das hier vorliegende Exemplar gehört eindeutig in die letzte Kategorie.
Kaukasischer Kindjal, Moskau 1881
Grundaufbau und Maße
Gesamtlänge 51 cm, Klingenlänge 41 cm, Breite 4 cm. Zweischneidige Klinge mit drei Hohlkehlen, kugelförmiger Knauf, Parierstange mit seitlichen Knöpfen. Soweit der Grundaufbau — klassisch kaukasisch, nichts Ungewöhnliches.
Die Montierung
Was diesen Kindjal heraushebt, ist die Montierung. Gefäß und Scheide sind vollständig mit Silberbeschlag gearbeitet, durchgehend graviert in Arabesken- und Rankenmustern. Die schwarzen Einlagen sind Niello — russisch чернь (Chern) — eine Silber-Schwefel-Mischung, die in gravierte Vertiefungen eingeschmolzen wird. Das ist aufwendig, das kostet Zeit, und das Ergebnis zeigt es.
Wappen und Widmung
Auf der Scheide sitzt ein vollständiges Adelswappen: Schild mit mehreren Quartierungen, Schildhalter auf beiden Seiten, Krone, Ordensband. Dieser Aufbau entspricht dem Stil georgischer Fürstenfamilien, die nach russischer Annexion Georgiens ihre Wappen in das Adelsregister des Zarenreichs überführen ließen. Welche Familie genau — das lässt sich ohne schärfere Bildauflösung der Schildquartierungen nicht sicher sagen. Dazu kommt eine zweizeilige Widmungsinschrift in georgischer Schrift, Mkhedruli. Die Gravur ist kursiv und durch Abnutzung teilweise schwer lesbar — für eine gesicherte Übersetzung braucht es einen Georgistik-Spezialisten.
Die Punzen
| Stempel | Bedeutung |
|---|---|
| Feingehalt 84 Zolotniki | 875/1000 Silber — russischer Standardwert im 19. Jahrhundert |
| Moskauer Beschauzeichen | mit Jahresstempel 1881 |
| Meistermarke ЕБ | Moskauer Silberschmied, nicht weiter identifiziert |
Das Stück wurde nicht im Kaukasus punziert, sondern in Moskau. Das war nicht ungewöhnlich: Hochwertige Auftragsarbeiten für den russisch-kaukasischen Adel liefen häufig über Moskauer Silberschmiede oder wurden dort zur Prüfung vorgelegt.
Einordnung
Russisches Kaiserreich, Moskau, 1881. Auftraggeber oder Empfänger aus georgischem Adelsumfeld. Kein Gebrauchsgegenstand — die Qualität der Gravur, das persönliche Wappen und die Widmungsinschrift sprechen für eine Auftragsarbeit zu einem konkreten Anlass: Beförderung, Ehrung, Geburt, Abschied. Solche Stücke wurden im Kaukasus des 19. Jahrhunderts unter russischer Verwaltung regelmäßig vergeben, oft zwischen Offizieren oder von Adel zu Adel.
Das Jahr 1881 ist dabei kein neutrales Datum: Am 13. März 1881 wurde Zar Alexander II. in St. Petersburg ermordet. Was in den Monaten danach folgte — politische Neuausrichtung, verschärfte Kontrolle der Randgebiete, Unsicherheit im Kaukasus — das stand jedem Auftraggeber dieses Stückes unmittelbar bevor. Ob das eine Rolle spielte, lässt sich nicht sagen. Es gehört zum Kontext.
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Thomas Huss & Söhne / German Historica
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Eigene Dokumentation und Bestimmung anhand des Objektbefunds: Silberpunzen, Niello-Gravur, Wappenaufbau und Mkhedruli-Inschrift. Einordnung nach Vergleichsbeispielen russisch-kaukasischer Auftragssilberschmiedearbeiten des späten 19. Jahrhunderts.