U 1009 und Claus Hilgendorf, sein Kommandant, stehen im Mittelpunkt eines Dokumentenbestands, der uns vorliegt. Hilgendorf war Oberleutnant zur See der Reserve. Erhalten sind sein Soldbuch, Ausbildungszeugnisse, Auszeichnungsnachweise, Bescheinigungen aus der britischen Kriegsgefangenschaft und Aufzeichnungen über die letzten Tage des Bootes im Mai 1945.

Am 9. Mai 1945, also nach dem Ende der Kampfhandlungen, wurde U 1009 von einem britischen Flugzeug angegriffen. Die britische Admiralität bestätigte noch am selben Tag, dass der Angriff irrtümlich erfolgt war.

Die Unterlagen geben Einblick in Hilgendorfs militärische Laufbahn, in die Geschichte von U 1009 und in die ersten Wochen der Gefangenschaft.


Claus Hilgendorf: vom Minensuchdienst zum U-Boot-Kommandanten

Claus Hilgendorf wurde am 29. Februar 1912 in Hamburg geboren. Als Reserveoffizier der Kriegsmarine begann er seine Laufbahn im Zweiten Weltkrieg im Minensuchdienst.

Ein Besitzzeugnis vom 15. Februar 1941 weist ihn als Steuermann und Reserveoffizieranwärter auf dem Minensuchboot M 1203 der 12. Minensuchflottille aus. Es wurde in Brest ausgestellt und bestätigt zwei Auszeichnungen:

  • Eisernes Kreuz 2. Klasse, verliehen am 9. September 1940.
  • Kriegsabzeichen für Minensuch-, U-Jagd- und Sicherungsverbände, verliehen am 8. Januar 1941.

Hilgendorf war zunächst vor der französischen Atlantikküste eingesetzt, später unter anderem bei der 24. Minensuchflottille.

Die Eintragungen im Soldbuch

Das Soldbuch führt ihn zunächst als Leutnant zur See der Reserve. Am 1. April 1943 wurde er zum Oberleutnant zur See der Reserve befördert.

Auf Seite 4, „Bescheinigung über verliehene Auszeichnungen“, sind drei Auszeichnungen eingetragen, jeweils bestätigt durch Stempel und Unterschrift der Dienststelle:

  • Eisernes Kreuz 2. Klasse, 9. September 1940.
  • Minensucherabzeichen, 8. Januar 1941.
  • Eisernes Kreuz 1. Klasse, 25. Juli 1942.

Die ersten beiden Einträge stimmen mit dem Besitzzeugnis von 1941 überein. Das Datum des Eisernen Kreuzes 1. Klasse bestätigt die Angabe aus den veröffentlichten biografischen Daten.

Auf Seite 5 ist als nächste Angehörige seine Ehefrau Liselotte Hilgendorf, geb. Friedt, mit Wohnort Hamburg-Altona eingetragen.

Ausbildung zum U-Boot-Offizier

1943 wechselte Hilgendorf zur U-Boot-Waffe und durchlief die erforderlichen Fach- und Kommandantenlehrgänge.

Ein Nachrichten-Zeugnis der Marine-Nachrichtenschule Mürwik belegt seine Teilnahme am Nachrichtenlehrgang für U-Boots-Wachoffiziere vom 2. August bis 4. September 1943. Bewertung: „genügend“. Ausgestellt hat das Zeugnis am 4. September 1943 Kapitän zur See Adolph Ritter, Kommandeur der Schule.

Nach weiteren Ausbildungsabschnitten wurde Hilgendorf für das neue Boot U 1009 vorgesehen.

U 1009: Bau, technische Daten und Indienststellung

U 1009 entstand bei Blohm & Voss in Hamburg unter der Baunummer 209. Es gehörte zum Typ VII C/41, einer verbesserten Ausführung des Typs VII C mit verstärktem Druckkörper und größerer Tauchtiefe. Kiellegung war am 24. Februar 1943, Stapellauf am 5. Januar 1944, Indienststellung am 10. Februar 1944.

MerkmalAngabe
TypVII C/41
BauwerftBlohm & Voss, Hamburg
Baunummer209
Längerund 67,2 Meter
Breiterund 6,2 Meter
Verdrängungetwa 759 Tonnen über Wasser, 860 Tonnen getaucht
Geschwindigkeitrund 17 Knoten über Wasser, 7,6 Knoten getaucht
Bewaffnungfünf Torpedorohre und Flugabwehrbewaffnung
AusrüstungSchnorchelanlage
FeldpostnummerM 55 087

Mit dem Schnorchel konnten die Dieselmotoren in geringer Tauchtiefe betrieben werden.

Nach der Indienststellung gehörte das Boot zur 31. U-Flottille und machte seine Erprobungs- und Ausbildungsfahrten in der Ostsee. Ab November 1944 wurde es als Frontboot bei der 11. U-Flottille geführt.

Die Feindfahrten von U 1009

U 1009 lief im Krieg zu zwei Feindfahrten aus. Bestätigte Versenkungen sind nicht bekannt.

Erste Feindfahrt unter Dietrich Zehle

Die erste Unternehmung führte Oberleutnant zur See Dietrich Zehle, der das Boot vorübergehend von Hilgendorf übernommen hatte. Das erste Auslaufen am 28. November 1944 wurde wegen Problemen mit der Schnorchelanlage abgebrochen. Am 11. Dezember 1944 begann die eigentliche Fahrt.

Einsatzgebiet war der Nordatlantik, vor allem die Seegebiete nördlich von Schottland und zeitweise der Nordkanal. Am 8. Februar 1945 lief U 1009 in Trondheim ein.

Zweite Feindfahrt unter Claus Hilgendorf

Am 29. März 1945 verließ U 1009 unter Hilgendorf Trondheim zur letzten Unternehmung. Das Boot diente im Nordatlantik als Wetterbeobachtungsboot. Wetterberichte aus diesem Seegebiet brauchte die Wehrmacht für die Planung von Marine- und Luftwaffeneinsätzen.

Während dieser Fahrt endete der Krieg in Europa. Am 4. Mai 1945 ordnete Großadmiral Karl Dönitz die Einstellung des U-Boot-Krieges an. Die Boote auf See erhielten danach Anweisungen zur Kapitulation. U 1009 nahm Kurs auf Loch Eriboll an der schottischen Nordküste.

9. Mai 1945: Britischer Luftangriff auf U 1009

Im Bestand liegt eine maschinenschriftliche Aufzeichnung mit der Überschrift „Ein- und ausgegangener Funkverkehr von U 1009 am 9.5.1945“. Sie gibt den unverschlüsselten Funkverkehr zwischen dem Boot und der britischen Küstenfunkstelle GKR wieder.

Um 11:15 Uhr meldete U 1009 seine Position: 60° 55′ Nord, 3° 00′ West. Um 15:35 Uhr folgte die Meldung: „Werde von Flugzeug angegriffen.“

Zwei Minuten später kam eine ausführlichere Meldung. Danach stand das Boot auf 60° 32′ Nord, 3° 05′ West, als es bei sehr schlechter Sicht von einem Flugzeug angegriffen wurde. Mehrere Bomben fielen in unmittelbarer Nähe. Obwohl ein Sehrohr mit schwarzer Flagge voll ausgefahren war, flog das Flugzeug erneut an.

Nachdem es abgedreht war, tauchte U 1009 vorübergehend weg. Die Funkmeldung hält ausdrücklich fest, dass nach den bestehenden Befehlen keine Gefechtsbereitschaft mehr bestand. Um 16:30 Uhr tauchte das Boot wieder auf.

Die britische Admiralität bestätigt den Irrtum

Noch am selben Tag ging über die Küstenfunkstelle ein Funkspruch der britischen Admiralität ein:

„This attack was a mistake – orders are given to prevent its happening again.“
(„Dieser Angriff war ein Versehen. Es wurden Befehle erteilt, um eine Wiederholung zu verhindern.“)

Der Wortlaut steht in der Funkaufzeichnung und zusätzlich auf einem weiteren Blatt.

Auch britische Erinnerungsberichte zur Kapitulation deutscher U-Boote in Loch Eriboll erwähnen, dass U 1009 am Nachmittag des 9. Mai 1945 irrtümlich von einem Flugzeug des Coastal Command angegriffen wurde. Welches Flugzeug oder welche Staffel beteiligt war, ist bislang nicht geklärt.

In den gängigen Einsatzübersichten zu U 1009 fehlt der Angriff zum Teil. Die Funkaufzeichnungen liefern dazu genaue Zeit- und Positionsangaben.

10. Mai 1945: Die Kapitulation in Loch Eriboll

Am Morgen des 10. Mai 1945 erreichte U 1009 Loch Eriboll. Zusammen mit U 1305 gehörte es zu den ersten deutschen U-Booten, die dort nach Kriegsende einliefen.

Nach britischen Berichten übernahm ein Prisenkommando der Fregatte HMS Byron das Boot. An Bord wehte eine schwarze Kapitulationsflagge. Der britische Augenzeugenbericht schildert die Übernahme beider Boote und die Weiterfahrt unter britischer Kontrolle.

Noch am 10. Mai verließ U 1009 Loch Eriboll und erreichte am nächsten Tag Loch Alsh.

Britische Anweisungen zur Weiterfahrt

Im Bestand liegt eine deutschsprachige Ausfertigung der Befehle des britischen Marinekommandanten von Loch Alsh für die Weiterfahrt der deutschen U-Boote. Festgelegt wurde unter anderem:

  • Auslaufen in engen Gewässern nur bei Tageslicht.
  • Marschgeschwindigkeit zwischen 10 und 15 Knoten.
  • Signale des britischen Führerschiffs befolgen.
  • Abstand von 500 Metern zwischen den U-Booten.
  • Befehle des britischen Wachoffiziers ausführen.
  • Batterien laden und Trinkwasser ergänzen.
  • Tiefgang so gering wie möglich halten.
  • Meldungen: technische Bestandsmeldungen und vollständige Besatzungslisten abgeben.

Die deutschen Kommandanten mussten den britischen Wachoffizier bei seinen Aufgaben unterstützen. Die Befehlsgewalt lag bei den Briten, für den technischen Betrieb der Boote wurden die deutschen Besatzungen aber weiter gebraucht.

Das Schnorchelgebet

Auf demselben Blatt wie die britischen Anweisungen steht ein maschinenschriftliches Gedicht mit dem Titel „Schnorchelgebet“. Es beschreibt derb und mit Humor die Begleiterscheinungen des Schnorchelbetriebs: schlechte Luft, körperliche Beschwerden und die Belastung bei langen Unterwasserfahrten. Es endet mit der Bitte: „Herr, laß den Schnorchelmast verriegeln“.

Der Verfasser ist unbekannt. Ob das Gedicht auf U 1009 entstand oder schon vorher unter U-Boot-Besatzungen kursierte, lässt sich nicht feststellen. Es zeigt, wie die Männer mit den Lebensbedingungen an Bord umgingen.

Claus Hilgendorf in britischer Kriegsgefangenschaft

Mit der Kapitulation von U 1009 begann für Hilgendorf die britische Kriegsgefangenschaft. Aus dieser Zeit sind zwei Bescheinigungen erhalten, beide vom 7. Juni 1945.

Bestätigung über 68 Seetage und das U-Boot-Kriegsabzeichen

Die erste bestätigt, dass Oberleutnant zur See Claus Hilgendorf mit 68 Seetagen die Verleihungsbedingungen für das U-Boot-Kriegsabzeichen 1939 erfüllt hatte. Unterschrieben hat Korvettenkapitän Werner Winter, der sich als ehemaliger Chef einer U-Boot-Flottille bezeichnet und selbst in Kriegsgefangenschaft war. Winter war Kommandant von U 103 und später Chef der 1. U-Flottille in Brest. Die Bescheinigung entstand also bereits in Gefangenschaft.

Vorläufige Trageerlaubnis im Kriegsgefangenenlager 191

Die zweite stellte am selben Tag Oberst Borcherdt aus, der deutsche Oberlagerführer des Lagers 191. Sie lautet:

„Ich erteile hiermit dem Oblt. z. See Claus Hilgendorf, POW Nr. B 132073, die Erlaubnis zum Tragen des U-Bootskriegsabzeichens 39 vorbehaltlich der spaeteren amtlichen Genehmigung.“

Beide Dokumente zeigen, dass die deutsche Lagerorganisation auch nach Kriegsende noch militärische Bescheinigungen ausstellte. Zu unterscheiden ist dabei zwischen der Bestätigung der erfüllten Voraussetzungen und einer amtlichen Verleihung. Eine Verleihungsurkunde liegt nicht vor, und auch im Soldbuch ist das U-Boot-Kriegsabzeichen nicht eingetragen.

Weitere Stationen der Gefangenschaft

Nach den Angaben des Historischen Marinearchivs war Hilgendorf unter anderem in diesen Lagern:

  • Lager Nr. 9, Kempton Park, Middlesex.
  • Lager Nr. 18, Featherstone Park, Northumberland.

Die Bescheinigung aus Lager 191 ergänzt diese Angaben um eine weitere Lagernummer. Am 27. November 1947 wurde Hilgendorf entlassen, mehr als zweieinhalb Jahre nach der Kapitulation von U 1009.

Das Ende von U 1009: Operation Deadlight

Nach der Übergabe wurde U 1009 über weitere Häfen nach Loch Ryan gebracht. Im Rahmen der Operation Deadlight versenkten die Alliierten zahlreiche erbeutete deutsche U-Boote, die nicht weiter verwendet oder untersucht werden sollten.

U 1009 wurde am 16. Dezember 1945 nordwestlich von Irland durch Artilleriebeschuss versenkt, auf der Position 55° 31′ Nord, 7° 24′ West. Beteiligt waren die britischen Kriegsschiffe HMS Mendip und HMS Onslow. Das Wrack liegt in etwa 57 Metern Tiefe. 2002 wurde es von dem britischen Wrackforscher Innes McCartney betaucht.

Die Dokumente zu U 1009 und Claus Hilgendorf

Die Originalunterlagen decken Hilgendorfs Laufbahn und die Gefangenschaft ab:

  • Soldbuch mit Lichtbild, Beförderungseintrag, Auszeichnungsseite und Angehörigenanschrift.
  • Besitzzeugnis vom 15. Februar 1941 für das Eiserne Kreuz 2. Klasse und das Minensucherabzeichen.
  • Nachrichten-Zeugnis für U-Boots-Wachoffiziere vom 4. September 1943.
  • Funkaufzeichnungen von U 1009 vom 9. Mai 1945.
  • Britischer Funkspruch zum irrtümlichen Luftangriff.
  • Britische Befehle zur Weiterfahrt der kapitulierten U-Boote.
  • Schnorchelgebet als zeitgenössische Abschrift.
  • Bestätigung über 68 Seetage vom 7. Juni 1945.
  • Vorläufige Trageerlaubnis für das U-Boot-Kriegsabzeichen aus Lager 191.

Dazu kommen die erhaltenen Auszeichnungen. Weitere Beiträge zu Marine-Dokumenten und Abzeichen finden Sie in der Militaria-Infothek.

Fazit zu U 1009 und Claus Hilgendorf

U 1009 war bereits auf dem Weg zur Kapitulation, als es am 9. Mai 1945 angegriffen wurde. Durch die erhaltenen Funkmeldungen lässt sich dieser Vorfall auf die Minute nachvollziehen. Die Bescheinigungen vom Juni 1945 belegen, dass innerhalb der deutschen Gefangenenorganisation militärische Verwaltungsabläufe weiterliefen. Mit Soldbuch, Zeugnissen und Auszeichnungsnachweisen lässt sich der Weg von U 1009 und Claus Hilgendorf vom Minensuchdienst über das U-Boot-Kommando bis in die Gefangenschaft verfolgen.

Grundlage dieses Beitrags sind die Originaldokumente. Ergänzend wurden veröffentlichte Einsatzübersichten und britische Berichte zur Kapitulation deutscher U-Boote herangezogen.

Quellen und weiterführende Literatur

  • Originaldokumente und persönliche Unterlagen von Claus Hilgendorf aus dem vorliegenden Bestand.
  • Historisches Marinearchiv, U-Boot-Kommandanten und U-Boot-Bewegungen.
  • uboat.net, U 1009, Einsatzgeschichte und Verbleib.
  • Naval Historical Society of Australia, HMS Byron and the Surrender of U-1009 at the End of WW2.
  • Naval Historical Society of Australia, U-boat Surrender in Loch Eriboll – 8th to 23rd May 1945.
  • Clay Blair, Der U-Boot-Krieg, Band 2: Die Gejagten 1942–1945.

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Rechtlicher Hinweis (§§ 86, 86a StGB): Die Dienststempel in Soldbuch, Besitzzeugnis und Nachrichten-Zeugnis zeigen ein Hakenkreuz, ebenso die Originalausführungen des Eisernen Kreuzes 1939 und des U-Boot-Kriegsabzeichens 1939. Abbildung und Beschreibung erfolgen ausschließlich zur historischen Dokumentation und staatsbürgerlichen Aufklärung im Sinne von § 86 Abs. 4 StGB.