U-Bootskriegsabzeichen und Heldentod-Urkunde: Ausgangspunkt dieses Beitrags sind zwei Dokumente aus dem Nachlass von Heinz Angellow, Maschinenmaat auf U 665, seit dem 21. März 1943 mit seinem Boot verschollen. Was seine Familie erhielt, war kein Einzelfall.
Inhalt:
- Die Verlustzahlen der U-Boot-Waffe
- Wie die Nachricht die Familien erreichte
- Die Heldentod-Urkunde
- Das postum verliehene U-Bootskriegsabzeichen
- Orden als Kalkül – Dönitz und die zeitnahe Verleihung
- Der Spielfilm „Das Boot" als Gegenbild
- Wenn doch noch Post kam – und wenn nicht
- Private Todesanzeigen als Beispiel
Die Verlustzahlen der U-Boot-Waffe
Insgesamt dienten rund 39.000 bis 40.000 Männer auf deutschen U-Booten. Etwa 70 Prozent von ihnen kamen ums Leben, eine der höchsten Verlustraten aller Teilstreitkräfte des Zweiten Weltkriegs. Rund 5.000 U-Boot-Fahrer gerieten in Kriegsgefangenschaft. Das Deutsche Historische Museum beziffert die Zahl der verlorenen deutschen U-Boote auf rund 780, mit knapp 27.000 getöteten Besatzungsmitgliedern. Es war das Schicksal tausender Familien, und der Ablauf war fast immer der gleiche.
Wie die Nachricht die Familien erreichte
Informationen gab es spärlich, und sie kamen sehr verhalten von den Flottillen. Die Schreiben liefen meist im Namen des Flottillenchefs, oft im persönlichen Ton formuliert und unterzeichnet, was eine persönliche Anteilnahme der Flottillenführung vortäuschen sollte, tatsächlich aber von Schreiberinnen in den Verwaltungsbüros verfasst wurde. Für sie war es Routine: der Verlust junger Männer auf See, die nicht selten erst 19 oder 20 Jahre alt waren. Boot ist verschollen. Boot ist verloren. Genaue Hintergründe unbekannt. Man gehe von einem Totalverlust aus. Nur sehr selten stand die Möglichkeit einer Gefangenschaft im Raum, und noch seltener bewahrheitete sie sich.
Die Nachricht kam meist in mehreren Schritten. Zuerst ein kurzes Schreiben: Das Boot habe sich seit geraumer Zeit nicht gemeldet, Ursache unbekannt. Später folgte ein konkreteres Schreiben. Darin wurde mitgeteilt, dass der Mann, Sohn oder Bruder mit hoher Sicherheit im Nordatlantik bzw. in der Biskaya untergegangen sei. Gleichzeitig wurde ein Sterbedatum festgelegt, bei Heinz Angellow der 23. März 1943, obwohl U 665 bereits am 21. März zum letzten Mal eine Meldung abgesetzt hatte.
Die Heldentod-Urkunde
Danach folgten nur noch Formalien. Am 25. Oktober 1943, gut sieben Monate später, gingen zwei Urkunden an die Familie: die Heldentod-Urkunde mit dem festgelegten Sterbedatum, ausgestellt im Auftrag des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine, sowie die postume Verleihung des U-Bootskriegsabzeichens 1939 durch den Führer der Unterseeboote West.
Unterzeichnet wurde die Heldentod-Urkunde von Werner Winter, Korvettenkapitän und Chef der 1. U-Flottille Brest, jener Flottille, der U 665 seit Februar 1943 unterstand. Winter führte die 1. U-Flottille von Juli 1942 bis zu ihrer Auflösung im September 1944 und war damit während der gesamten Einsatzzeit von U 665 der zuständige Flottillenchef. Zuvor hatte er selbst als U-Boot-Kommandant gedient, unter anderem auf U 103, mit 15 versenkten Schiffen und dem Ritterkreuz ausgezeichnet.
Zwei Arten von Urkunden
Bei den Heldentod-Urkunden der Kriegsmarine gab es unterschiedliche Formulierungen, je nach Todesumständen. Die Formel „starb den Heldentod" war Gefallenen im unmittelbaren Feindkontakt vorbehalten, etwa bei Versenkung, Kampfhandlung oder wie im Fall Heinz Angellow beim Verlust des Bootes im Fronteinsatz. Für Todesfälle ohne Feindeinwirkung, Unfälle, Krankheit, dienstliche Zwischenfälle abseits des Kampfes, wurde eine andere, neutralere Formulierung verwendet, etwa „gab sein Leben" oder „verstarb im Dienst". Der Unterschied war für die Angehörigen durchaus bedeutsam: Die eine Urkunde ordnete den Tod in den heroischen Rahmen des Kampfes ein, die andere hielt ihn schlicht fest, ohne diese Zuschreibung. Darum wurde auch genau geprüft, um welche Todesart es sich handelte, Unfall oder Kampfhandlung, bevor die Urkunde ausgestellt wurde. Die Urkunde für Heinz Angellow trägt die Heldentod-Formel, passend zum Kontext, da U 665 im Fronteinsatz verloren ging.
Das postum verliehene U-Bootskriegsabzeichen
Die postume Verleihung des U-Bootskriegsabzeichens 1939 verdient einen genaueren Blick. Normalerweise war das Abzeichen an bestimmte Voraussetzungen geknüpft, in der Regel den erfolgreichen Abschluss mehrerer Feindfahrten oder eine vergleichbare Bewährung im Einsatz. Heinz Angellow kam bereits auf einer seiner ersten Unternehmungen ums Leben und hatte diese Anforderungen zum Zeitpunkt seines Todes noch nicht erfüllt, hätte das Abzeichen aber nach Abschluss dieser Schicksalsfahrt erhalten. Verliehen wurde es ihm trotzdem, postum, als Ehrung für den gefallenen Soldaten, ausgesprochen durch den Führer der Unterseeboote West.
Diese Praxis war in den Flottillen üblich: Beim Tod eines Besatzungsmitglieds wurde routinemäßig geprüft, welche Auszeichnungen noch in Frage kamen, vom Eisernen Kreuz über das Deutsche Kreuz bis hin zum Ritterkreuz, je nach Einsatz und Verdienst des Gefallenen. Bei Heinz Angellow blieb es bei der postumen Verleihung des U-Bootskriegsabzeichens 1939, wie sie die Urkunde vom 25. Oktober 1943 dokumentiert.
Orden als Kalkül – Dönitz und die zeitnahe Verleihung
Bekannt ist, dass Dönitz großen Wert auf die zeitnahe Verleihung von Orden und Ehrenzeichen legte und unnötige Verzögerungen unterbunden wissen wollte, da jede Feindfahrt die letzte sein konnte. Das spiegelt zugleich wider, wie bewusst sich die U-Boot-Führung des Risikos war, dem die Männer ausgesetzt waren. Diese Haltung war nicht bloß Großzügigkeit, sondern Kalkül: Wo U-Boot-Fahrer auftauchten, sollten sie erkennbar sein, durch Orden und Ehrenzeichen an der Brust, präsentiert in der Öffentlichkeit. Junge Männer wurden dadurch, und durch den Heldenkult um die U-Boot-Waffe, dazu verführt, sich zu dieser als exklusiv geltenden Einheit zu melden.
Gefahren, Leiden und Verluste wurden dabei verschwiegen. Für die Öffentlichkeit ging das Sterben spurlos vonstatten. Die Wirklichkeit sah anders aus: eingeschlossen in einer dunklen Stahlhülle, viele hundert Meter unter der Wasseroberfläche, wo niemand zu Hilfe kommen konnte. Manche warteten dort qualvoll auf den Tod, andere wurden zerquetscht, alle waren für immer verschwunden, ohne Bilder, ohne Zeugen, ohne Spur. Was blieb, waren die Dokumente und der Heldengesang. Am Ende blieb von diesem Menschenleben nur das U-Bootskriegsabzeichen und die Heldentod-Urkunde als amtliches Zeugnis, in einer Schublade der Hinterbliebenen.
Der Spielfilm „Das Boot" als Gegenbild
Erst der Spielfilm „Das Boot", Regie Wolfgang Petersen, nach dem Roman von Lothar-Günther Buchheim, der die Erlebnisse an Bord von U 96 unter Kommandant Heinrich Lehmann-Willenbrock verarbeitet, mit Jürgen Prochnow als „der Alte" und Herbert Grönemeyer als Kriegsberichterstatter Leutnant Werner, zeigte einem breiteren Publikum das Ausmaß an Leid, Angst und Schmerz, das die Männer ertragen mussten. Oft kritisiert, auch angeprangert von Zeitzeugen, die ihre eigenen Erlebnisse jahrzehntelang verdrängt hatten, nicht selten auch, um vor der eigenen Familie nicht Rede und Antwort stehen zu müssen über diese verrückte Zeit. Manches an diesem Film war überzeichnet oder nicht korrekt dargestellt. Aber die Wasserbombenangriffe, die Schäden an Bord, der Wassereinbruch, die Hilflosigkeit, das wurde ohnegleichen dargestellt. Für mich persönlich, der selbst auf U-Booten arbeiten musste, absolut glaubhaft, schockierend und beklemmend. Für viele mag das unvorstellbar klingen, aber so war es, das wurde mir auch von mehreren U-Boot-Veteranen hinter vorgehaltener Hand anvertraut. Der Film macht deutlich, wie weit die Realität an Bord von dem entfernt war, was Orden und Urkunden nach außen vermittelten.
Auch die Figur des Maschinisten Johann, „das Gespenst", mit seinem Zusammenbruch unter Wasserbombenbeschuss, hatte ein reales Vorbild in der Besatzung von U 96, Hans Johannsen. Die schauspielerische Meisterleistung von Erwin Leder in dieser Rolle machte die Figur zu einer der eindringlichsten des Films. Dazu folgt an anderer Stelle ein eigener, ausführlicher Beitrag.
Wenn doch noch Post kam – und wenn nicht
Zusätzlich zurück kamen der Wehrpass und persönliche Gegenstände, sofern sie noch am Stützpunkt lagen und nicht mit an Bord gegangen waren.
Selten, aber es kam vor: Post des totgeglaubten Mannes erreichte über das Rote Kreuz plötzlich den Briefkasten der Familie, ein Lebenszeichen aus Gefangenschaft, Monate nach der Todesnachricht. Für die weit überwiegende Mehrheit blieb es jedoch bei der Urkunde. Viele Schicksale klärten sich erst spät nach Kriegsende, manche nie. So blieben zahlreiche Hinterbliebene über Jahrzehnte im Unklaren darüber, was mit ihrem Angehörigen wirklich geschehen war.
Private Todesanzeigen als Beispiel
Vielfach gaben die Familien selbst noch eine Todesanzeige in der Zeitung auf oder versendeten Trauerkarten, meist Monate nach dem eigentlichen Ereignis, sobald die amtliche Bestätigung vorlag. Zwei Beispiele solcher privaten Anzeigen zeigen das übliche Muster: Dienstgrad und Auszeichnungen, Sterbedatum, der Kreis der Trauernden, oft mit Angabe, wo die Beisetzung erfolgte oder dass sie im Feld bzw. auf See nicht möglich war.
Für Heinz Angellow selbst ist keine private Anzeige überliefert, die beiden gezeigten Beispiele stammen von anderen Familien und dienen hier nur zur Veranschaulichung der Praxis.
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Thomas Huss & Söhne / German Historica
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