Großkreuz des Eisernen Kreuzes von 1813: Es stellt die höchste Stufe der ursprünglichen Stiftung des Eisernen Kreuzes dar. Es wurde während der Befreiungskriege gegen Napoleon ausschließlich an Oberbefehlshaber verliehen, deren militärische Führung einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf der Feldzüge hatte. Es handelte sich damit nicht um eine allgemeine Tapferkeits- oder Verdienstauszeichnung, sondern um eine Kommandeursauszeichnung für höchste Befehlshaber, deren Wirken in einer entscheidenden Schlacht den Verlauf einer ganzen Operation beeinflusste.
Aufgrund der äußerst geringen Zahl der Verleihungen gehört das Großkreuz zu den seltensten militärischen Auszeichnungen Europas. Die heutige Forschung stützt sich auf die wenigen physisch erhaltenen Exemplare sowie auf archivalische Hinweise zur Herstellung der Eisenkerne und zur späteren Rahmung durch Berliner Juweliere. Mehr zu vergleichbaren Auszeichnungen findet sich in der Militaria-Infothek.
Die Herstellung der Eisenkerne für das Eiserne Kreuz der Stiftungsjahre 1813 und 1870 basierte auf dem Verfahren des Feinsandgusses. Im Unterschied zu der ab etwa 1914 eingeführten industriellen Massenfertigung durch Prägung in Stahlwerkzeugen handelt es sich bei den frühen Kernen um handwerklich nachbearbeitete Gussstücke. Für das Großkreuz dürfte lediglich ein einziges Vorlagenmodell oder jedenfalls nur eine sehr geringe Zahl unmittelbar zusammenhängender Urmodelle existiert haben, mit deren Hilfe die Sandgussformen erstellt wurden.
Inhalt
- I. Die Produktion der Eisenkerne
- II. Der Formvorgang im Feinsandguss
- III. Mechanische Nachbearbeitung der Außenkonturen
- IV. Die Juweliersarbeit
- V. Verleihungen und Stückzahlen
- VI. Das „Unikat-Prinzip" und der Verbleib
- VII. Überlieferte Exemplare des Großkreuzes 1813
- IX. Alterung, Oxidation, Abrieb
- Einordnung
Großkreuz des Eisernen Kreuzes von 1813 — Eisenkerne, Rahmung und die erhaltenen Exemplare
I. Die Produktion der Eisenkerne
Das „Gleiwitzer Monopol"
Die technologische Grundlage des Großkreuzes bildete der schlesische Eisenkunstguss, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine besondere Bedeutung im preußischen Kunsthandwerk besaß.
Produzent
Als Hersteller der frühen Eisenkerne des Großkreuzes kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit die Königliche Eisengießerei Gleiwitz in Betracht. Die dort entwickelte Technik des feinen Sandgusses – häufig im Zusammenhang mit dem Begriff „Fer de Berlin" genannt – erlaubte eine besonders präzise Umsetzung des von Karl Friedrich Schinkel entworfenen Kreuzes. Für eine weitgehend einheitliche frühe Fertigung spricht nicht nur die geringe Zahl der benötigten Exemplare, sondern auch die technische Plausibilität, eine so kleine Serie nicht auf mehrere voneinander unabhängige Gießereien zu verteilen.
Die Kerne wurden im Feinsandgussverfahren hergestellt, wodurch eine sehr detaillierte Wiedergabe der Reliefstruktur möglich war.
Charakteristische Gussmerkmale
Originale Kerne lassen sich anhand bestimmter Merkmale des frühen Eisenkunstgusses erkennen. Diese Details werden in der Forschung häufig als eine Art „Fingerabdruck" der Produktion beschrieben.
Die „Gleiwitzer 3"
Die Ziffer 3 der Jahreszahl 1813 besitzt eine charakteristische Form. Der untere Bogen ist deutlich geschwungen und endet häufig in einer kleinen kugelförmigen Verdickung, die an eine Serife erinnert.
Typografie der Jahreszahl 1813
Hinzu kommt die für frühe Stücke beschriebene Typografie der Jahreszahl 1813: Die Ziffern stehen vergleichsweise weit auseinander und berühren sich nicht. Beide Einsen wirken wie römische I, wobei die linke I häufig leicht nach innen geneigt erscheint. Diese Stellung der Ziffern gehört zu den auffälligen Merkmalen früher Großkreuz-Kerne.
Die Krone
Die Darstellung der preußischen Königskrone zeigt eine sehr plastische Ausarbeitung. Besonders auffällig ist die strukturierte Oberfläche der Kronenreife, die oft eine nahezu perlenartige Wirkung besitzt.
Das Eichenlaub
Auch das Eichenlaub weist ein charakteristisches Bild auf. Beim Großkreuz zeigt der Stiel vier Eicheln, je zwei auf jeder Seite. Dieses Detail gehört zu den wesentlichen Erkennungsmerkmalen der frühen Form und ist bei der vergleichenden Begutachtung von Bedeutung.
Schinkel-Kante
Ein weiteres wichtiges Merkmal früher Kerne ist die deutlich ausgeprägte, abgestufte sogenannte Schinkel-Kante des Eisenkerns. Diese Kantenbildung gehört zu den auffälligen Gestaltungsmerkmalen der frühen Periode und kann bei der Beurteilung eines Stückes eine wichtige Rolle spielen.
Oberflächenstruktur
Im Hintergrund der Reliefs ist häufig eine sehr feine Sandstruktur sichtbar. Diese entsteht durch den verwendeten Formsand des Feinsandgussverfahrens.
Maße und Konstruktion
Der Eisenkern des Großkreuzes wird in der Literatur und an erhaltenen Stücken im Bereich von etwa 56 mm beschrieben. Für ein bekanntes Blücher-Stück werden 56,6 mm Breite und 56,3 mm Höhe angegeben. Solche Maße zeigen, dass leichte Unterschiede zwischen einzelnen Exemplaren oder Messweisen zu berücksichtigen sind. Aus diesem Grund sollte nicht von einem starren Einheitsmaß ausgegangen werden.
Die Materialstärke ist im Zentrum – insbesondere im Bereich des Eichenlaubs – stärker ausgeprägt und nimmt zu den Armen des Kreuzes hin leicht ab. Diese Konstruktion ermöglicht eine stabile Aufnahme im Silberrahmen, ohne dass der Kern innerhalb der Zarge Spiel bekommt.
II. Der Formvorgang im Feinsandguss
Voraussetzung für dieses Verfahren war ein extrem feiner, leicht bindiger Formsand. Dieser wurde in einen Formkasten eingebracht, der aus einer Ober- und einer Unterschale bestand, also aus einer doppelschaligen Gussform. Der Formvorgang gliederte sich in folgende Schritte:
- Einbetten: Das Vorlagenmodell wurde in den Formsand der ersten Schale eingelegt und angedrückt, um einen scharfen Abdruck der Reliefdetails zu erhalten.
- Gegenform: Nach dem Aufsetzen der zweiten Kastenhälfte wurde auch diese mit dem bindigen Sand befüllt und verdichtet, sodass das Modell vollständig umschlossen war.
- Anlage von Kanalsystemen: Vor dem Guss wurden manuell Gusskanäle (Eingüsse) und Entlüftungskanäle (Steiger) in den Sand geschnitten. Die Gusskanäle dienten der Zuführung der Schmelze, während die Entlüftungskanäle das Entweichen der verdrängten Luft sowie der entstehenden Gase ermöglichten, um Fehlstellen oder Blasen im Material zu verhindern.
- Entformen des Modells: Die Formschalen wurden getrennt und das Vorlagenmodell entnommen. Zurück blieb der negative Hohlraum des Kreuzes im Sandbett.
- Abguss: Nach dem erneuten Zusammensetzen der Schalen wurde flüssiges Eisen über das Kanalsystem in den Hohlraum gegossen.
- Trennen und Putzen: Nach dem Erstarren der Schmelze wurde die verlorene Form zerschlagen, um das Gussstück freizulegen. Der Kern wurde von den erstarrten Guss- und Entlüftungskanälen getrennt, also abgeschlagen oder abgesägt. Beim anschließenden Putzen wurden Sandreste und grobe Gussnähte entfernt, um den Rohling für die Feinbearbeitung vorzubereiten.
Materialbeschaffenheit und Bruchanfälligkeit
Das resultierende Gussmaterial weist eine mikroporöse Oberflächenstruktur auf. Diese resultiert aus der physikalischen Interaktion zwischen der flüssigen Eisenschmelze und der Körnigkeit des Formsandes. Während des Gießvorgangs entstehen winzige Gaseinschlüsse und Oberflächenunregelmäßigkeiten, die dem Material die matte Sandstruktur verleihen.
Aus werkstofftechnischer Sicht ist das verwendete Gusseisen im Vergleich zu späterem Prägestahl spröde und besitzt eine geringe Duktilität. Diese Eigenschaft führt zu einer erhöhten Bruchanfälligkeit bei mechanischer Belastung oder harten Stößen. Während geprägte Kerne zu Verformungen neigen, reagiert der Gusskern bei Überbeanspruchung mit Sprödbruch, was zu Haarrissen oder dem vollständigen Bruch der Kreuzarme führen kann.
III. Mechanische Nachbearbeitung der Außenkonturen
Nach der Entnahme aus der Sandform war eine mechanische Überarbeitung der Rohlinge erforderlich. Da das Sandgussverfahren keine absolute Maßhaltigkeit und keine scharfen 90°-Kanten liefert, wurden die Außenkonturen und Kanten der Kreuzarme manuell nachgearbeitet.
Ziel dieser Bearbeitung war der Ausgleich von Gussungenauigkeiten zur Erzielung einer symmetrischen Kreuzform sowie einer präzisen Anlagefläche für die spätere Rahmung. Ein technisches Merkmal dieser Fertigung ist der umlaufende Absatz von etwa 1 bis 1,5 mm. Dieser diente als Fläche für die formschlüssige Fixierung der Silberzargen und gewährleistete den bündigen Sitz des Kerns im Rahmen.
Partielle Reliefglättung der Ziffern
Eine Nachbearbeitung des Reliefs fand ausschließlich punktuell an den Ziffern der Jahreszahl 1813 statt. Um gussbedingte Porositäten oder Unregelmäßigkeiten zu beseitigen, wurden die Oberflächen der Ziffern mechanisch geglättet. Diese Maßnahme erhöhte die Konturschärfe und die Lesbarkeit der Zahlen. Das restliche Gussbild – insbesondere die feine Sandstruktur des Hintergrunds sowie die Symbole Krone und Eichenlaub – blieb dabei unberührt, um die charakteristische Optik des Gussstücks zu erhalten.
IV. Die Juweliersarbeit
Rahmung und Montage
Nach dem Guss der Eisenkerne erfolgte die Rahmung durch Berliner Juweliere beziehungsweise Hofjuweliere. Da die handgegossenen Kerne geringfügige Maßabweichungen aufweisen konnten, musste jeder Silberrahmen individuell angepasst werden. Die Rahmung stellt daher eine präzise handwerkliche Einzelarbeit dar.
Werkstätten
Mehrere Berliner Werkstätten werden mit der Rahmung der Großkreuze in Verbindung gebracht.
Runeke (auch Reinecke): Diese Werkstatt fertigte bereits im April 1813 erste Rahmen nach direkten Vorgaben von Karl Friedrich Schinkel. Da es für die Rahmung der spröden Gusskerne noch keine Routine gab, sind diese Stücke durch besondere handwerkliche Individualität geprägt. Runeke setzte Schinkels Zeichnungen physisch um, wobei die ersten Prototypen und die ersten für die Verleihung vorgesehenen Exemplare in dieser Werkstatt entstanden sein dürften.
Johann George Hossauer: Als späterer Hofgoldschmied Friedrich Wilhelms III. steht Hossauer eher für besonders hochwertige Ausführungen späterer Jahre. Da er sein Unternehmen erst 1819 gründete und 1826 zum Hofgoldschmied ernannt wurde, kommt er für die Fertigung hochwertiger Zweitstücke und repräsentativer Exemplare der 1813er Form in Betracht, die in den 1830er und 1840er Jahren von den ursprünglichen Trägern oder deren Familien nachbestellt wurden. Seine Werkstatt steht damit weniger für die frühesten Verleihungsstücke selbst als vielmehr für technisch besonders sorgfältig ausgeführte spätere Arbeiten.
Moritz Geiss: Diese Werkstatt war auf die Verbindung von Eisenkunstguss und Edelmetallarbeiten spezialisiert. Geiss war kein gewöhnlicher Juwelier, sondern eng mit dem Umfeld des Berliner Eisenkunstgusses verbunden. Aufgrund dieser Spezialisierung kommt seine Werkstatt für die Montage früher offizieller oder offiziös entstandener Stücke besonders in Betracht, da hier Erfahrung im Einpassen eines harten und spröden Gusskerns in eine Silberzarge vorhanden gewesen sein dürfte.
Technische Ausführung
Die Rahmen bestehen aus zweiteiligen Silberzargen, die den Eisenkern von Vorder- und Rückseite umschließen. Die einzelnen Rahmenteile wurden verlötet und anschließend ziseliert. Bei den Großkreuzen ist die Ausführung der Zargen so präzise gearbeitet, dass der Rahmen optisch häufig wie ein einziges Bauteil wirkt. Bei einzelnen untersuchten Exemplaren ist die Naht des Silberrahmens erst unter sorgfältiger Vergrößerung erkennbar.
Am oberen Kreuzarm befindet sich eine Öse mit Bandring. Bei frühen Großkreuzen ist diese Öse unmittelbar am oberen Kreuzarm angelötet; der eingesetzte Ring erscheint häufig nahtlos gearbeitet und ist für das breite Halsband dimensioniert.
Band und Trageweise
Das Band des Großkreuzes war außergewöhnlich breit. In der Literatur werden für das eigentliche Halsband Breiten von mindestens etwa 55 mm genannt; einzelne Bänder konnten noch breiter ausfallen, um sich den hohen und steifen Uniformkragen der Zeit anzupassen. Daneben sind Lösungen belegt, bei denen kleinere Bandstränge verwendet wurden, um das Kreuz unter dem Kragen zu fixieren.
Für repräsentative oder memoriale Zusammenhänge sind außerdem Stücke überliefert, die direkt auf eine Gedenkschärpe aufgenäht wurden. Ein bekanntes Blücher-Stück ist in dieser Form dokumentiert.
V. Verleihungen und Stückzahlen
Während der Befreiungskriege wurde das Großkreuz des Eisernen Kreuzes von 1813 nur fünfmal verliehen. Die Empfänger waren:
- Gebhard Leberecht von Blücher
- Friedrich Wilhelm von Bülow
- Karl Johann von Schweden (Jean-Baptiste Bernadotte)
- Johann David Ludwig Yorck von Wartenburg
- Bogislav Friedrich Emanuel von Tauentzien
Gerade bei dieser höchsten Klasse zeigt sich, dass nicht jeder erfolgreiche General automatisch in Betracht kam. Das Großkreuz war an die Führung großer Verbände und an den Sieg in einer entscheidenden Schlacht gebunden. Es handelte sich daher um eine extrem zurückhaltend verliehene Auszeichnung.
Hinweise geben die bekannten Blücher-Stücke
Ein besonders aufschlussreicher Vergleich ergibt sich aus den bekannten Großkreuzen des Generalfeldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher.
Die überlieferten Exemplare zeigen unterschiedlich ausgeführte Rahmungen. Unterschiede betreffen vor allem die Breite der Silberzargen, das Profil der Rahmung sowie Details der handwerklichen Ausführung. Der Eisenkern selbst zeigt dagegen weitgehende Übereinstimmungen in Form, Reliefstruktur und Gusscharakter.
Dies spricht dafür, dass diese Stücke denselben Typ von Eisenkern besitzen und damit auf dieselbe Gussserie beziehungsweise auf ein eng zusammenhängendes Fertigungsumfeld zurückgehen. Daraus lässt sich ableiten, dass neben dem verliehenen Stück weitere frühe Exemplare mit demselben Kern-Typ, jedoch mit unterschiedlich ausgeführten Silberrahmen existierten.
Frühe Zweitstücke
Die bekannten Blücher-Exemplare legen nahe, dass neben dem verliehenen Großkreuz früh weitere Stücke vorhanden waren. Diese unterscheiden sich in der Rahmung, während der Eisenkern auf dieselbe Gussgrundlage zurückzugehen scheint.
Da die Gesamtzahl der gegossenen Kerne vermutlich sehr klein war – wahrscheinlich im Bereich von etwa 20 bis 30 Exemplaren – ist anzunehmen, dass auch andere Träger des Großkreuzes zusätzliche Exemplare besaßen oder beschaffen ließen, solange Kerne aus der ursprünglichen Produktion verfügbar waren.
Diese frühen Zweitstücke dürften daher noch denselben Kern-Typ wie die Verleihungsstücke verwendet haben.
Spätere Zweitstücke und Neuanfertigungen
Neben diesen frühen Exemplaren entstanden im Laufe des 19. Jahrhunderts weitere Stücke. Dabei handelt es sich um Zweitstücke oder Ersatzstücke, die teilweise deutlich später gefertigt wurden. In solchen Fällen konnten sowohl neue Eisenkerne als auch neu angefertigte Rahmungen verwendet worden sein.
Solche Stücke können sich daher technisch von den frühen Exemplaren unterscheiden, etwa durch abweichende Gussstruktur des Eisenkerns, Unterschiede in Material und Ausführung der Rahmung sowie veränderte Proportionen einzelner Bauteile. Während frühe Zweitstücke vermutlich noch Kerne aus der ursprünglichen Gussserie verwendeten, ist bei späteren Anfertigungen davon auszugehen, dass dafür vollständig neue Kerne und Fassungen hergestellt wurden.
Herleitung der Produktionszahl
In der Forschung – unter anderem bei Frank Wernitz – wird für die frühe Fertigung eine Größenordnung von etwa 20 bis 30 Eisenkernen als plausibel angenommen. Eine vollständige Produktionsliste ist nicht überliefert. Die Zahl ergibt sich aus einer technischen und verwaltungsgeschichtlichen Herleitung, bei der mehrere Faktoren berücksichtigt werden: die geringe Zahl der Verleihungen, der Bedarf an Reservekernen für die General-Ordens-Kommission, zusätzliche Exemplare der Träger sowie Muster-, Präsentations- oder Ersatzstücke.
Es ist daher wahrscheinlich, dass für die frühe Serie etwa 20 bis 30 Kerne gefertigt oder nach Berlin geliefert wurden, aus denen sowohl die Verleihungsstücke als auch einige weitere frühe Exemplare entstanden.
VI. Das „Unikat-Prinzip" und der Verbleib
Da nur eine sehr begrenzte Zahl von Kernen gegossen und anschließend manuell nachbearbeitet wurde, existieren keine vollständig identischen Exemplare. Kleine Unterschiede im Gussbild oder in der Nachbearbeitung ermöglichen es Fachleuten, einzelne Stücke miteinander zu vergleichen und teilweise individuell zuzuordnen.
Auf dieser Grundlage konnten unter anderem die in russischen Museen befindlichen Exemplare bestimmten historischen Beständen plausibel zugeordnet werden. Ein Teil der ursprünglich in Berlin aufbewahrten Ordensinsignien gelangte nach dem Zweiten Weltkrieg als Beutekunst in sowjetische Museen.
Die „DNA" des Eisenkerns
Sandguss-Varianz: Da beim Feinsandguss für jeden Abguss die Form zerstört werden muss, gleicht kein Kern dem anderen zu 100 %.
Mikro-Struktur: Die Verteilung der Sandkörner an der Oberfläche erzeugt bei jedem Guss ein individuelles Bild von mikroskopischen Erhebungen und Vertiefungen.
Gussfehler als Fingerabdruck: Winzige Lunker, Gaseinschlüsse oder Haarrisse, die beim Erstarren der Schmelze entstanden, sind bei jedem Kern an anderen Stellen positioniert.
Diese Merkmale können, sofern gute Vergleichsaufnahmen oder direkte Untersuchungen vorliegen, bei der Zuordnung einzelner Stücke eine wesentliche Rolle spielen.
Die manuelle Nachbearbeitung
Handarbeit: Nach dem Guss wurde gefeilt und geschliffen – das ist der Moment, in dem der Kern seine endgültige Identität erhielt.
Ziffern-Glättung: Wie bereits beschrieben, wurden die Zahlen 1813 oft händisch nachgeglättet. Der Winkel der Feilhiebe und die Tiefe des Materialabtrags sind individuell.
Anpassung an die Zarge: Da die Silberrahmen ebenfalls handgefertigt waren, wurde der Kern oft minimal asymmetrisch beschliffen, um perfekt in den Rahmen zu passen. Fachleute nutzen diese Passungenauigkeiten heute, um Kerne und Rahmen einander zuzuordnen.
Provenienzforschung durch Fotovergleich
Hier liegt die Verbindung zu den russischen Museen: Durch den Vergleich hochauflösender Detailfotos aus der Vorkriegszeit – etwa von Archivaufnahmen des Zeughausmuseums – mit den heute in Moskau oder St. Petersburg befindlichen Stücken lassen sich individuelle Merkmale wie Gussstruktur, Kratzer im Eisen oder die Schärfe der Ziffernkanten abgleichen.
Auf dieser Grundlage lässt sich in günstigen Fällen mit hoher Wahrscheinlichkeit feststellen, dass ein heute in einem Museum befindliches Großkreuz mit einem vor 1945 in Berlin dokumentierten Exemplar identisch ist. Solche Aussagen beruhen jedoch nicht auf einem einzelnen Merkmal, sondern auf dem Zusammenwirken mehrerer übereinstimmender Details.
VII. Überlieferte Exemplare des Großkreuzes 1813
| Empfänger | Heutiger Standort | Bemerkung / technisch-historische Einordnung |
|---|---|---|
| G. L. von Blücher | Moskau, Staatliches Historisches Museum | Gesichert bzw. in der Forschung als identifiziert angesehen. Ehemaliges Zeughaus-Exemplar, 1945 abtransportiert. Zuweisung auf Grundlage charakteristischer Merkmale des Kerns. |
| G. L. von Blücher | USA, Sammlung Stimson | Als historisch bedeutendes Zweitstück beschrieben. Hochwertige Ausführung auf Gedenkschärpe bzw. in repräsentativem Zusammenhang. |
| G. L. von Blücher | Blüchermuseum Kaub | Gesichert. Stück aus dem Familiennachlass. Getragenes Exemplar mit authentischen Gebrauchsspuren an der Zarge. |
| F. W. von Bülow | Moskau, Staatliches Historisches Museum | Gesichert bzw. in der Forschung als identifiziert angesehen. Ehemals Berliner Zeughaus. Kern weist frühe Bearbeitungsmerkmale auf. |
| Karl Johann von Schweden | Stockholm, Armémuseum | Gesichert. Offizielles Verleihungsstück im schwedischen Staatsbesitz. |
| Yorck von Wartenburg | Unbekannt | Seit 1945 verschollen. Archivfotos bzw. ältere Nachweise sind für spätere Vergleiche von Bedeutung. |
| Tauentzien | Unbekannt | Seit 1945 ohne gesicherten Nachweis verschollen. |
VIII. Ergänzende Analyse zur Überlieferungslage
Die Überprüfung ergibt ein klares Bild der Seltenheit. Über die fünf offiziellen Verleihungsstücke hinaus muss – wenn man die angenommene Produktionszahl von etwa 20 bis 30 Kernen zugrunde legt – mit weiteren frühen oder späteren Exemplaren gerechnet werden.
Die Moskauer Beutekunst: Die Wiedererkennung der in Moskau befindlichen Stücke war für die Forschung von erheblicher Bedeutung. Dort befinden sich nicht nur Großkreuze von Blücher und Bülow, sondern auch der sogenannte Blücherstern, also das Eiserne Kreuz in Strahlen.
Das „Unikat-Prinzip" in der Forschung: Da Yorcks und Tauentziens Kreuze offiziell als verschollen gelten, konzentriert sich die moderne Expertise auf den Abgleich von Gussfehlern, Oberflächenstruktur und Nachbearbeitung. Jedes auftauchende Großkreuz muss gegen die bekannten frühen Berliner Gussmerkmale geprüft werden.
Die Rolle der Familien-Nachlässe: Das Stück in Kaub belegt, dass die Träger – insbesondere Blücher – mehrere Exemplare besaßen. Es ist plausibel, dass im Alltag oder bei bestimmten Anlässen nicht stets das repräsentativste Stück getragen wurde, sondern auch technisch gleichartige, aber anders gerahmte Zweitstücke Verwendung fanden.
USA – Sammlung Stimson: Dieses Stück zeigt, wie preußische Spitzenorden über den internationalen Kunstmarkt des 20. Jahrhunderts nach Übersee gelangten. Die technische Prüfung solcher Stücke erfolgt unter anderem über die Zargenkonstruktion, die handwerkliche Ausführung und die Beschaffenheit des Kerns.
Technischer Hinweis für die Expertise: Bei jedem Stück, das nicht in der obigen Tabelle als gesichert oder in der Forschung weithin anerkannt gelistet ist, sollte eine radiologische Untersuchung, eine hochauflösende Makro-Analyse oder – sofern möglich – ein direkter Vergleich mit archivalisch dokumentierten Referenzstücken erfolgen, um Gussmerkmale, Bearbeitungsspuren und Konstruktionsdetails abzugleichen.
IX. Alterung, Oxidation, Abrieb
Identifizierung von Neuanfertigungen
Ein wesentliches Kriterium bei der Begutachtung ist die Oxidation. Während bei Originalstücken über die Jahrzehnte eine natürliche Oxidationsschicht entsteht, werden Neuanfertigungen häufig durch künstliche, chemische Mittel gealtert. Diese künstliche Patina unterscheidet sich in Struktur, Geruch und Beständigkeit deutlich von einer historisch gewachsenen Oberfläche.
Zusätzlich liefern tragebedingte Abnutzungsspuren entscheidende Hinweise, da sich dieser spezifische Abrieb nur schwer künstlich reproduzieren lässt. Besonders an den erhabenen Stellen des Reliefs und an den Kanten der Zargen entsteht über die Jahre ein charakteristisches Abriebbild, das durch chemische oder maschinelle Verfahren nicht ohne Weiteres kopiert werden kann. Oft sind es zudem Details wie die Materialauswahl oder die Stärke von Drähten, die bei der Begutachtung auffallen und von der frühen offiziellen Fertigung abweichen.
Ein weiteres mögliches Altersmerkmal ist eine feine, zur Mitte hin zunehmende Porenbildung der glatten Eisenflächen. Solche Erscheinungen können mit langfristiger Oxidation und Feuchtigkeitseinwirkung zusammenhängen und werden bei alten Kernen immer wieder beobachtet. Auch hier gilt jedoch, dass nie ein Einzelmerkmal allein entscheidend ist, sondern stets die Gesamtheit der technischen Merkmale.
Technisch-historische Einordnung und Forschungslage
Erschwert wird die Zuordnung durch die Vielzahl an Zweitstücken, die entweder als hochwertiger Ersatz für beschädigte oder verlustige Exemplare oder als spätere Kopien zur Sammlertäuschung gefertigt wurden. Diese Stücke sachlich und fachlich korrekt einzuordnen und zugleich von den eigentlichen Verleihungsstücken zu trennen, ist außerordentlich anspruchsvoll.
Die Identifizierung stützt sich daher maßgeblich auf zuordnungsfähige Gusseigenschaften in Form und Reliefierung, die materialtypische Oberflächenbeschaffenheit des Feinsandgusses, die manuelle Nachbearbeitung, die Passung von Kern und Zarge, altersbedingte Veränderungen des Materials sowie den Vergleich mit archivalisch oder museal gesicherten Referenzstücken.
Einordnung
Das Großkreuz des Eisernen Kreuzes von 1813 gehört zu den seltensten militärischen Auszeichnungen Europas. Die Kombination aus extrem geringer Verleihungszahl und individueller handwerklicher Herstellung macht jedes identifizierte Original zu einem bedeutenden Beleg preußischer Militärgeschichte.
Gerade deshalb ist eine rein formale Ordenskunde bei diesem Stück nicht ausreichend. Erst die Verbindung von historischer Einordnung, fertigungstechnischer Betrachtung und materialkundlicher Untersuchung erlaubt eine belastbare Beurteilung. Dieser technische Ansatz – weg von der reinen Beschreibung hin zur Analyse von Herstellungsweise, Material und individueller Bearbeitung – eröffnet einen präziseren Zugang zur Frage der Authentizität und der Einordnung einzelner Exemplare.
Die vorliegenden Erkenntnisse basieren auf langjähriger praktischer Erfahrung in der Gießereitechnik sowie auf der ausgiebigen Analyse fertigungsspezifischer Unterschiede anhand gesicherter Vorlagestücke.
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Sammler und Händler für militärhistorische Objekte. Quellen: eigenes Archiv und langjährige praktische Erfahrung in der Gießereitechnik; Fachliteratur: Frank Wernitz, Das Eiserne Kreuz 1813–1870–1914, Verlag Militaria, Wien 2013; Jörg Nimmergut, Deutsche Orden und Ehrenzeichen 1800–1945, Battenberg; Stephen Previtera, The Iron Time, Winidore Press, Virginia 2008.