U 165 der Kriegsmarine, Matrosengefreiter Johann Gauer: Dieser Urkundennachlass wurde bei einer Haushaltsauflösung gefunden. Die Familie verkaufte ihn an uns und bat darum, die Geschichte aufzuarbeiten, als Andenken und als Mahnung. Dieser Beitrag kommt der Bitte nach.
Inhalt
Johann Gauer und U 165 der Kriegsmarine
Johann Gauer gehörte als Matrosengefreiter zur Besatzung von U 165. Das Boot ging am 27. September 1942 in der Biskaya verloren, keiner der 51 Männer an Bord überlebte. Auf den Urkunden steht der Name Johann Gauer, auf den Sterbebildern und dem Gedenkblatt Hans Gauer.
U 165: eine einzige Feindfahrt
U 165 der Kriegsmarine wurde am 3. Februar 1942 unter Korvettenkapitän Eberhard Hoffmann in Dienst gestellt. Nach der Ausbildung in der Ostsee lief das Boot am 7. August 1942 von Kiel zu seiner ersten und einzigen Feindfahrt aus.
Das Operationsgebiet lag vor der kanadischen Ostküste, insbesondere im Sankt-Lorenz-Golf und in der Belle-Isle-Straße. Dort versenkte U 165 drei Schiffe, darunter das kanadische Kriegsschiff HMCS Raccoon, und beschädigte vier weitere. Auf dem Rückmarsch nach Frankreich wurde das Boot in der Biskaya versenkt. Zwischen Auslaufen und Verlust lagen keine zwei Monate.
Was die Familie erhielt
Wie Verlustmeldungen bei der U-Boot-Waffe abliefen, habe ich am Fall von Heinz Angellow, gefallen auf U 665, beschrieben. Im Nachlass von Johann Gauer ist dieser Weg ebenfalls belegt.
Dazu gehört ein Anschreiben, das sich mit dem Verbleib von U 165 befasst. Die Verleihungsurkunde zum U-Boot-Kriegsabzeichen ist postum ausgestellt und auf den 20. März 1943 datiert. Hinzu kommt eine Gefallenenurkunde mit der zeitgenössischen Formulierung „starb den Heldentod“. Das Übersendungsschreiben vom 8. Mai 1943 nennt die Urkunde über den Heldentod und das nachträglich verliehene Abzeichen. Es entstand damit mehr als sieben Monate nach dem Verlust des Bootes.
Was die Familie damals erfuhr und was wir heute wissen
Das Datum auf der Gefallenenurkunde und den Sterbebildern ist der 27. September 1942. Es stimmt mit dem heutigen Kenntnisstand überein. Beim Ort gibt es dagegen eine Abweichung: Auf dem Sterbebild steht als Todesort der St.-Lorenz-Strom. Dort war U 165 tatsächlich eingesetzt, verloren ging das Boot aber auf dem Rückmarsch, Tausende Kilometer entfernt.
Wie das Boot unterging, blieb auch nach dem Krieg lange ungeklärt. Die deutsche Seite vermutete nach einer britischen Rundfunkmeldung einen Luftangriff in der Biskaya. Der alliierte Bewertungsausschuss konnte nach dem Krieg jedoch keinen bekannten Angriff zuordnen, sodass der Verlust als ungeklärt geführt wurde. Später kam die Vermutung eines Minentreffers hinzu.
Heute gilt eine neuere Auswertung als maßgeblich. Nach Axel Niestlé und Eric Zimmerman (2003) wurde U 165 am 27. September 1942 südwestlich von Lorient auf etwa 47° N, 5°30′ W durch Wasserbomben versenkt. Sie stammten von einer Wellington der tschechoslowakischen 311. Squadron der Royal Air Force.
Die Angehörigen konnten das nicht wissen. Ihnen blieben ein Datum, ein falscher Ort und die Worte der Urkunden.
Das private und das parteiamtliche Gedenken
Neben den militärischen Unterlagen enthält der Nachlass zwei Sterbebilder und ein Gedenkblatt mit Porträt und Lebenslauf. Außerdem liegt eine Gedenkkarte der NSDAP-Ortsgruppe bei. Das Gedenken blieb also nicht allein Sache der Familie.
Von allen Seiten wurde der Heldentod glorifiziert. Ohne Frage erbrachten Soldaten im Krieg große, heldenhafte Leistungen. Doch wofür und für wen? Einen Sinn hatten sie meist nicht. Für seine Familie war Johann Gauer vor allem Hans, der nicht mehr nach Hause kam. Mit ihm starben 50 weitere Männer, und für alle galt dasselbe Verfahren: Auf dem Papier wurde aus jedem ein Held, während die Angehörigen nicht einmal erfuhren, wo und wie er wirklich gestorben war.
Diese Glorifizierung hatte einen Zweck. Der Verlust sollte einen Sinn erhalten, den er nicht hatte. Aus Trauer sollte Stolz werden, nicht Zweifel. Die Menschen sollten den sinnlosen Krieg weiter mittragen und auch künftig ihre Kinder und Ehemänner hergeben. Viele wurden damit belogen und betrogen. Darum gehört die Karte der Partei ebenso zu diesem Nachlass wie die Sterbebilder.
Auch heute werden Kriegstote wieder zu Helden erklärt. Doch was ist Heldentum? Einen Angriff tapfer abzuwehren oder im U-Boot einen Wasserbombenangriff zu überstehen, mag dazugehören. Im Schützengraben von Granaten und Drohnen verwundet, verstümmelt oder zerfetzt zu werden, gehört sicher nicht dazu. Sterben hat selten etwas Heldenhaftes an sich. Wer bei einer Hilfeleistung sein Leben für einen anderen Menschen einsetzt, opfert sich. Wer für ein Regime und zweifelhafte politische Interessen stirbt, wird geopfert.
Die Heldenerzählung verfängt heute nicht mehr wie früher, deshalb kommt Geld hinzu. In Russland erhalten die Hinterbliebenen eines Gefallenen vom Staat fünf Millionen Rubel. Als pervers empfinde ich, dass der Staat den Familien ihre Männer und Kinder damit regelrecht abkauft, in der Hoffnung, dass niemand nach dem Sinn fragt. Den Schmerz nimmt auch dieses Geld nicht.
Der Wehrpass
Der Wehrpass ist beschädigt, seine erste Seite fehlt. Die Eintragungen über die Zugehörigkeit von Johann Gauer zur Besatzung von U 165 sind jedoch erhalten. Alle anderen Dokumente befinden sich in einem sehr guten Zustand.
Warum dieser Nachlass zusammengehört
Einzeln wäre jedes dieser Papiere nur eine Urkunde, ein Sterbebild oder ein beschädigter Wehrpass. Zusammen zeigen sie den Weg von Johann Gauer zur Kriegsmarine, seinen Verlust und den Umgang von Staat, Partei und Familie damit. Und sie machen deutlich, wie wenig die Angehörigen damals über sein Ende erfahren konnten. Darum geht es bei der Bitte der Familie: Johann Gauer soll nicht vergessen werden, und sein Schicksal soll daran erinnern, was dieser Krieg gekostet hat.
Quellen
- Fotos und Unterlagen: aus dem Besitz von Thomas Huss, sofern nicht anders vermerkt.
- Urkundennachlass Johann Gauer: Verleihungsurkunde zum U-Boot-Kriegsabzeichen, Gefallenenurkunde, Übersendungsschreiben, Anschreiben zum Verbleib von U 165, zwei Sterbebilder, Gedenkblatt, Gedenkkarte der NSDAP-Ortsgruppe, Wehrpass.
- Dr. Axel Niestlé und Eric Zimmerman: Loss of U-165, 28.02.2003, veröffentlicht auf uboat.net am 10.04.2003.
- Guðmundur Helgason: The Type IXC boat U-165, uboat.net.
- Guðmundur Helgason: Patrol info for U-165, uboat.net.
- The Moscow Times: Putin Signs Decree Adjusting Compensation Rules for Injured Soldiers, 13.11.2024.
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